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Pure Fan-Freude nach langem Leiden

Berlin (dpa) - 30.06.2006, 22:57 Uhr

Zahllose Fußballfans feiern am Kölner Rheinufer den Sieg der deutschen Mannschaft.
Zahllose Fußballfans feiern am Kölner Rheinufer den Sieg der deutschen Mannschaft.

Aus dem tiefen Tal des Mitleidens zur hemmungslosen Freude: So ein heiß-kaltes Wechselbad der Gefühle erlebten die Millionen Fußballfans auf den WM-Partymeilen noch nie.

Der zum Schluss sensationelle K.o.-Sieg für Deutschland im Viertelfinale nach Elfmeter-Schießen gegen Argentinien lässt das Märchen auch für die zunächst geschockten und in ihrer Euphorie gebremsten Fans nun doch weitergehen. Und nach dem Berliner Krimi wartet der nächste WM- Klassiker auf Jürgen Klinsmanns Team: Am 4. Juli ist im Halbfinale in Dortmund Italien der Gegner. Die Azzurri schlugen in Hamburg im zweiten Viertelfinalspiel die Ukraine sicher mit 3:0.

Doch zunächst jubelten nur die WM-Gastgeber. In die Stille nach dem 1:0 für Argentinien durch Ayala (49.) platzten wilde Freudenschreie, als Klose (80.) ausglich. Ein einziger Jubelschrei fegte durchs Land, als im Elfmeterschießen Torhüter Jens Lehmann zwei Mal überragend hielt. Die Fans sahen dann, wie sich auf der Ehrentribüne des Olympiastadions «Kaiser» Franz Beckenbauer und Kanzlerin Angela Merkel in den Armen lagen.

Nur Minuten nach dem Triumph von Berlin starteten in vielen deutschen Innenstädten Autokorsos mit ohrenbetäubenden Hupkonzerten. Der Kurfürstendamm wurde von der Polizei schlicht zur Partyzone erklärt. Am späten Abend zog die Polizei positive Zwischenbilanz: «Alles laut, aber friedlich», hieß es. Jubel-Staus auch auf der Leopoldstraße in München- Schwabing, in Dortmund, Düsseldorf, Köln, Gelsenkirchen, Nürnberg, Magdeburg, Halle oder Leipzig. Die Polizei drückte Augen und Ohren zu und ließ die Fahnen schwenkenden, singenden und lachenden Fans bei ihrer Tour über die Boulevards und Plätze meist gewähren. In Hamburg wurde wieder die Reeperbahn dicht gemacht für die Festivitäten.

Was für eine Psycho-Prüfung zuvor für die Massen bei der Live-Übertragung aus dem Olympiastadion: Alles schien aus und vorbei. Das kühle Rasenschach der Argentinier ließ die gut zwei Millionen Fans auf den Partymeilen zum ersten Mal richtig leiden. Die zum Feiern aufgelegten Menschen hatten ein ganz neues Gefühl zu verkraften: Schock, Entsetzen, zeitweise Grabesstille, wo bisher so viel Freude und Jubel waren. Nervöses Knistern in der Luft über den Fanfesten, angstvolle Blicke auf die Videowände, die Nerven zum Zerreißen gespannt: Für die deutschen Zuschauer auf den WM- Partymeilen war die Psycho-Show aus Berlin noch nie so anstrengend wie diesmal.


Schon früh im Spiel war viel Gelegenheit für Stoßseufzer und Gebete. Bald packten viele Fans ihre Schilder mit der Aufschrift «Adios Argentina» ein, und der WM-Hit «Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin» erklang immer seltener und zaghafter. So viele über dem Kopf zusammen geschlagene Hände wie zuvor bei keinem Spiel der Gastgeber waren zu sehen. Ernüchterung machte sich breit, als Ayala mit dem Treffer in der 49. Minute die Euphorie der WM-Sause dämpfte.

Vor dem erwartet schweren Match gegen die starken Südamerikaner war alles so schön wie immer. Stunden vor Anpfiff begann der Ansturm. Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Dortmund meldeten fast zeitgleich: Die Fanfeste sind dicht. Ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer deckte auch wieder die größte deutsche Fanmeile auf der Straße des 17. Juni in Berlin zu. Nach Angaben des Senats waren ungefähr so viele Fans versammelt wie beim 2:0 über die Schweden, als es gut 750 000 waren. Erstmals mehr als eine halbe Million Menschen versammelte sich auf den Public-Viewing-Plätzen in Nordrhein-Westfalen.

Zuschauer-Rekorde wurden in mehreren Städten gemeldet. In Stuttgart schloss die Polizei das Public Viewing am Schlossplatz eine Stunde vor Anpfiff, nachdem sich dort mehr als 40 000 Menschen drängelten. Schon Stunden vor dem Spiel hatten sich in der Main-Arena in Frankfurt rund 40 000 Fans eingefunden. Mehrere Städte hatten zusätzliche Feierplätze angeboten. In Hamburg wurde die Partie auch auf dem Spielbudenplatz in St. Pauli gezeigt, so dass weitere 30 000 Fans die Übertragung verfolgten konnten. Auf dem Heiligengeistfeld verfolgten gut 70 000 Menschen mit Zittern und Bangen das harte Duell mit den Südamerikanern.

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