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Deutschland-Power soll Argentinier schocken

Berlin (dpa) - 29.06.2006, 17:40 Uhr

Miroslav Klose (M) freut sich auf das Spiel gegen Argentinien.
Miroslav Klose (M) freut sich auf das Spiel gegen Argentinien.

Vor dem Spiel der Spiele schürt Motivationskünstler Jürgen Klinsmann weiter die Emotionen, Fußball-Deutschland rüstet zur bisher größten WM-Party - und der Kapitän hebt den Gastgeber sogar selbstbewusst auf den Favoriten-Thron.

«Wir haben den Hunger, noch drei Spiele bei der WM zu bestreiten. Wir sind heiß darauf», sagte Michael Ballack und taxierte die Siegchancen der deutschen Elf, die personell wie beim 2:0 gegen Schweden antreten will, vor der versammelten Weltpresse mutig auf 60:40. Auch Klinsmann geht «voller Optimismus» in das von einer riesigen Spannung begleitete Viertelfinale der beiden Weltmeister-Nationen: «Wir gehen mit voller Aggression, Leidenschaft und Engagement in dieses Spiel und wollen sehen, wie Argentinien antwortet», sagte der Bundestrainer.

Beim Abschlusstraining konnte Klinsmann alle Spieler seines 23er Kaders begrüßen. In einer kurzen Ansprache schwor der Bundestrainer sein Team 24 Stunden vor der Partie noch einmal auf den zweifachen Weltmeister ein, für Mittelfeldmann Torsten Frings gab es danach im Einzelgespräch noch ein paar Extra-Worte. Für das Aufwärmprogramm der 20 Feldspieler wurden auch noch einmal die Gummibänder aus der Kiste geholt.

Erstmals während der WM wurde das Abschlusstraining der deutschen Auswahl nicht an der Spielstätte absolviert. Statt im Olympiastadion liefen Michael Ballack & Co. im Amateurstadion von Hertha BSC auf. Obwohl die Einheit nur für 15 Minuten für Journalisten geöffnet war, nahmen 300 Medienvertreter aus aller Welt - darunter vor allem Kamerateams und Fotografen auf der Jagd nach dem letzten wichtigen Motiv - die Klinsmann-Truppe ins Visier. Schon bei der Pressekonferenz am Mittag war der Saal im DFB-Pressezentrum mit mehreren hundert Journalisten gefüllt, rund 40 Kameras zeichneten die Ausführungen von Klinsmann auf.

Am Spieltag wird Klinsmann in den Stunden bis zum Anstoß im mit 72 000 Fans ausverkauften Berliner Olympiastadion noch einmal seine ganze Motivations-Palette ausreizen. Am Freitagmittag schwört er sein bisher so erfolgreiches WM-Personal ein letztes Mal in einer «kleinen Sitzung» auf die Stärken und vor allem die Schwächen der «Gauchos» ein. Filmregisseur Sönke Wortmann hat erneut ein Video mit emotionalen Szenen zusammen geschnitten, um Ballack & Co. mental auf Betriebstemperatur zu bringen. Und ganz zuletzt werden Klinsmann und seine Helfer in der Kabine nochmals intensiv auf jeden Einzelnen der Startelf einreden. «Das ist ein ganz besonderes Spiel, eine ganz besondere Konstellation. Es geht ans Eingemachte», betonte der Bundestrainer.


Die neue deutsche Spaßgesellschaft hat sich mit ihren vier freudvollen und erfolgreichen WM-Auftritten bei der Konkurrenz wieder größten Respekt verschafft. Die «Klinsmänner» wollen sich davon jedoch nicht einlullen lassen. Auch wenn andere wie DFB-Präsident Theo Zwanziger schon mit dem souveränen Erreichen des Viertelfinals zufrieden seien, «ich bin es nicht und die Mannschaft auch nicht», erklärte der Bundestrainer mit einem fast Furcht erregenden Gesichtsausdruck und unterband jede weitere Debatte um seine persönliche Zukunft im Ansatz. «Ich mache mir nur einen Kopf über Argentinien. Alles andere ist unwichtig.» Noch nie hat eine deutsche Elf bei einer WM fünf Spiele in Serie gewonnen, die Premiere würde jedem Spieler bereits 100 000 Euro Halbfinal-Prämie einbringen.

«Wir sollten das ganze Drumherum ausblenden», forderte auch Torwart Jens Lehmann, der gegen die herausragende Offensivabteilung der Argentinier mit Hernan Crespo, Javier Saviola, Lionel Messi und Juan Román Riquelme sicher vor seiner größten Bewährungsprobe als Nummer 1 steht. Allerdings sieht Lehmann in der überbordenden Stimmung im Land und der Atmosphäre im Traumquartier «Schlosshotel» weitere Aufputschmittel. «Das ist auch ein Grund, warum wir im Turnier bleiben wollen. Das ist eine perfekte WM für uns.» Klinsmann machte seine Spieler dazu mit einem Hinweis auf seine eigenen negativen Erfahrungen heiß: Das WM-Aus im Viertelfinale 1994 und 1998 seien «die größten Enttäuschungen» in seiner Laufbahn gewesen. Das soll der Generation 2006 erspart bleiben.

«Wir werden nicht abweichen von unserer Strategie und unserem Ziel», betonte Kapitän Ballack und versprach auch gegen die namhaften Erben Maradonas einen Sturmlauf. Der einstige Held Diego Armando Maradona, der auch in Berlin im argentinischen Trikot auf der Tribüne erwartet wird, soll vor allem vor dem neuen Traumsturm Miroslav Klose (4 WM-Tore) und Lukas Podolski (3) zittern. «So, wie unser Spiel angelegt ist, ist es wichtig, dass die Stürmer treffen», bemerkte Ballack, der aber auch die Stärken des Kontrahenten kennt.

Wie das DFB-Team kann auch Argentinien bei diesem Turnier auf ein Torverhältnis von 10:2 verweisen - ein Warnsignal besonders für den deutschen Abwehrverbund um die Innendecker Per Mertesacker und Christoph Metzelder. Das Wort Angst aber hat Klinsmann aus dem Vokabular seiner Mannschaft gestrichen. «Die Spieler sind sehr fokussiert und nicht nervös. Wir sind voller Energie und Optimismus», verwies der Bundestrainer stattdessen auf die neuen Stärken. Keiner sei überheblich, seit den beiden 2:2-Spielen gegen die «Gauchos» im vergangenen Jahr aber sei das Team deutlich gewachsen. Als «Trumpf» stufte es der 41-Jährige zudem ein, dieses Mal in Bestbesetzung antreten zu können. Dazu kommt der Berlin-Effekt: Die beiden bisher einzigen deutschen Heimsiege gegen Argentinien gab es 1979 mit 2:1 und 1988 mit 1:0 jeweils im Olympiastadion.

Trotz der mutigen Kampfansagen erwarten Klinsmann und sein Personal wie die meisten Experten ein Spiel auf des Messers Schneide, ähnlich den WM-Endspielen 1986 (3:2 für Argentinien) und 1990 (1:0 für Deutschland). Laut Lehmann müsse man sogar ein Elfmeterschießen in Betracht ziehen: «Wenn beide Mannschaften so organisiert spielen wie bisher, ist das möglich.» Doch auch für den Fall ist Klinsmann nicht bange: «Wir sind guten Mutes, ohne Elfmeterschießen weiter zu kommen. Aber wenn es eines bedarf, dann eben mit Elfmeterschießen.» Die drei bisherigen WM-Elfmeterschießen endeten jeweils mit einem deutschen Happy End.

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