Wenn Haroldo über Tore berichtet
Dortmund (dpa) - 28.06.2006, 16:21 Uhr
Haroldo de Souza steht auf der Pressetribüne in Dortmund und ein Spiel.
Haroldo de Souza ist ein Mann, der locker in der Lage ist, innerhalb von 15 Sekunden 100 Silben zu sprechen. Haroldo kann reden wie ein Wasserfall - und tut das auch. Manchmal braucht Haroldo aber auch ganz lange - exakt 15 Sekunden -, um ein einziges Wort, das magische Wort, das Wort der Worte zu sprechen, nein, förmlich zu beten: «Goooooooooooooooooool!» brüllt de Souza in sein Mikrofon, das er mit seiner Rechten umklammert wie ein Hungernder ein Stück Brot. Stürmerstar Ronaldo hat gerade beim WM-Achtelfinalspiel in Dortmund des 1:0 für Brasiliens «Seleção» gegen Ghana erzielt, nach nur fünf Minuten Spielzeit. Ronaldo war nicht zu halten. Haroldo auch nicht. Haroldo de Souza ist Reporter für den brasilianischen Hörfunksender Radio Guaiba aus Porto Alegre. Haroldo lebt seine Reportagen. Der ganze Körper des Reporters kommt zum Einsatz, wenn Brasiliens Torwart Dida gerade noch die Hand zwischen Ball und Torlinie bekommt, der Oberkörper zuckt, wenn Adriano aufs ghanaische Tor köpft, die Gesichtszüge beben. Die Augen hinter den orangefarbenen Brillengläsern wechseln binnen Sekundenbruchteilen vom Spielfeld auf das handgeschriebene Pappschildchen mit der taktischen Aufstellung des Gegners. Für die «Seleção» braucht Haroldo keine Notizen. Die kennt er auswendig. Immer wieder wischt die Hand über den schwarzen Windschutz des Mikrofons. Im Eifer des Gefechts kann die Aussprache schon mal etwas feucht werden.
«Narrador» heißt die Berufsbezeichnung de Souzas - Erzähler. Doch er ist mehr. Auch mehr, als ein Sportreporter mitteleuropäischen Zuschnitts. In Porto Alegre setzt er sich als Kommunalpolitiker für soziale Projekte ein. Für viele Brasilianer ist der 55-Jährige nicht nur die Stimme, sondern auch die Seele des Fußballs. Seit 1970 berichtet der hagere Mann mit den pechschwarzen Haaren von allen Fußball-Weltmeisterschaften. Die Medientribünen der Fußball-Arenen zwischen Mexiko und Südkorea sind seine zweite Heimat. Er hat die Sternstunden von Pelé kommentiert, er hat in seiner blumig-ausladenden Sprache davon geschwärmt, wie Zico die Fäden im brasilianischen Mittelfeld zog und wie Roberto Carlos Freistöße verwandelte. Seine schönsten und wichtigsten Torschreie sind für ihn wie eine Visitenkarte. Im Internet sind sie archiviert. Fußballfans aus aller Welt können etwa nacherleben, wie de Souza am 30. Juni 2002 den 2:0-Siegtreffer von Ronaldo im WM-Endspiel gegen die deutsche Mannschaft seinen Landsleuten nahe brachte. Am 9. Juli möchte er aus Berlin in allen Einzelheiten schildern, wie sein Team um Ronaldinho und Kaka die «Copa» gewinnt. Radio ist für den Familienvater Beruf und Berufung. Zuerst wollte er Politiker werden. «Ich wollte den Leuten helfen», sagt er. Doch dann merkte er, wie kompliziert das alles ist und wie langsam die Mühlen der Bürokratie mahlen. Schon im Alter von 13 Jahren hatte der kleine Haroldo das gemacht, was alle fußball-verrückten Jungs in Brasilien tun: aus Spaß fiktive Fußballspiele kommentiert. Irgendwann bot ihm ein Sender an, Nachrichten zu lesen. Was in den sechziger Jahren ohne Honorar anfing, machte ihn zu einem der erfolgreichen Hörfunkjournalisten Brasiliens. «Träumen ist ein Recht für alle. Träume sind Leben», hat sich de Souza zu seinem Motto gemacht. Sein aktueller Traum soll sich am 9. Juli erfüllen. Bis dahin übt er den Schrei der Schreie: «Goooooooooooool.»
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