Rascheln im Gebüsch: Die Fanmeile als Flirtmeile
Berlin (dpa) - 28.06.2006, 12:44 Uhr
Zwei Fans kommen sich auf der Berliner Fan-Meile näher.
Tore, Partylaune, viele Menschen, nackte Haut, Musik und Alkohol: Die Berliner Fanmeile ist längst auch eine Flirtmeile geworden. Wenn Lukas Podolski Tore schießt, fallen sich die Fans in der Menge in die Arme, auf den Bierbänken rund um das Brandenburger Tor interessieren sich die Männer nicht nur für Fußball und Bier. Die Frauen auch nicht. «Der Flirtfaktor ist hoch», hat ein Bratwurstverkäufer beobachtet. Auch eine Mitarbeiterin der Senatspressestelle hat gemerkt, dass die Wiesen im Tiergarten «rege genutzt» werden. Wer an einem der lauschigen Sommerabende durch den Park radelt, wird manches Rascheln im Gebüsch hören. Allabendlich ist es das gleiche Bild: Anhänger der spielenden Mannschaften ziehen mit Fahne, Trikot, Perücke und Flagge auf den Wangen über die Straße des 17. Juni. Viele Jugendliche und junge Rucksackreisende sind dabei. Collegestudenten aus Übersee genießen es sichtlich, dass in Deutschland das Biertrinken auf der Straße erlaubt ist. Schnell kommt man auf den Bänken ins Gespräch. Manuel Demertjis (25) aus Sydney liebt die Atmosphäre auf dem WM-Fest und bekommt beim Thema deutsche Frauen leuchtende Augen. «Ich will hier bleiben», sagt der Australier grinsend.
In der Imbissbude ein paar Schritte weiter müssen die Mitarbeiter aufpassen, dass beim abendlichen Adressen-Austauschen der Besucher die Kulis nicht verschwinden. In der Adidas-Arena gab es kürzlich einen WM-Heiratsantrag vor fast 10 000 Zuschauern. «Das ist schon so, dass du viel angebaggert wirst», erzählt Softeisverkäuferin Mareen Knospe (24), die verheiratet ist und selbst keinen Wert auf Flirts legt. «Kennenlernen kannst du auf jeden Fall jemanden.» Psychologen sprechen bei solchen feiernden Massen von «Deindividuierung». Der einzelne Besucher - der sich ja auch als Fan kostümiert - geht in der Menge unter. «Das führt dazu, dass sich Menschen enthemmter verhalten», erklärt der Würzburger Sozialpsychologe Atilla Höfling. «Es ist auf eine gewisse Weise mit Karneval vergleichbar.» Sein Kollege Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin sieht es ähnlich. «In der anonymen Masse fallen die Hemmungen. Die Menschen werden in naiver Weise emotionalisiert», sagt der Professor am Institut für Psychologie. Die nationalen Fangruppen, die ein Identifikationsbedürfnis erfüllen, steigerten diesen Effekt noch. Es sei wie beim Anschauen eines guten Liebesfilms, erklärt der Biopsychologe. «Man will sich einfach hingeben und sein Verhalten nicht analysieren.»
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