Alle topfit: Klinsmanns Gesundheitsreform wirkt
Berlin (dpa) - 28.06.2006, 18:01 Uhr
Fitnesstrainer Oliver Schmidtlein kontrolliert die Fitnesswerte von Jens Nowotny.
Die Gesundheitsreform von Jürgen Klinsmann schlägt wie gewünscht an. Bei der Heim-Weltmeisterschaft präsentiert sich die deutsche Fußball-Nationalelf nicht nur topfit, sondern blieb bisher auch von Verletzungen weitgehend verschont. Der Bundestrainer kann auch im Viertelfinal-Hit gegen Argentinien aus dem Vollen schöpfen. Lediglich Kapitän Michael Ballack laborierte während des Turniers an einer Wadenverletzung und jetzt nochmal an einer Fuß-Blessur. Christoph Metzelder musste mit einer Sehnen-Zerrung im Knie behandelt werden, dazu war der Daumen von Oliver Kahn geprellt. «Unsere medizinische Abteilung von Doktor Müller-Wohlfahrt arbeitet hervorragend», lobte Bundestrainer Klinsmann. Zwei Orthopäden, ein Internist, ein Psychologe, vier Physiotherapeuten und vier Fitness-Trainer kümmern sich rund um die Uhr um die 23 Spieler des WM-Kaders. Unterdessen sind Michael Ballack und Miroslav Klose wieder ins Mannschafts-Training der deutschen Nationalelf zurückgekehrt. Kapitän Ballack und Top-Torjäger Klose hatten zuletzt wegen kleiner Blessuren nur ein individuelles Übungsprogramm absolviert, standen nun aber wieder mit den anderen auf dem Trainingsplatz. Die sportliche Leitung hatte schon zuvor signalisiert, dass sie mit einem Einsatz der beiden Führungsspieler in Berlin fest rechnet.
Klinsmann hatte schon bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren die spezielle Gesundheitsreform in der Nationalelf eingeleitet. Komplexe Betreuung plus größere Eigenverantwortung der Spieler gab der ehemalige Nationalstürmer, der selbst als Profi immer von einer überragenden Fitness profitiert hatte, als Schlagwörter aus. «Wir können dir helfen. Aber du musst viel investieren, zwei Mal Training am Tag, die richtige Ernährung, die richtige Regeneration», gab Klinsmann seinen WM-Kandidaten mit auf den Weg. Und die meisten verstanden: Rund die Hälfte der Profis hat die von Klinsmann verordneten Zusatzschichten intensiv absolviert - und sich dadurch verbessert, so der Bericht der Experten. Eine genau Beobachtung aller Werte von Ausdauer bis zu Kraft und Beweglichkeit gehörte von Beginn an zur Reform. Vier komplexe Tests unter wissenschaftlicher Leitung mussten die Spieler über sich ergehen lassen, die Werte bildeten die Grundlage für die individuellen Trainingsprogramme. Für den Bereich Ausdauer ist Shad Forsythe zuständig, für die Kraft Craig Friedman. Koordinator ist Mark Verstegen, der Chef des US-amerikanischen Fitness-Unternehmens «Athletes' Performance» aus Arizona, mit dem der Bundestrainer seit dem zweiten Länderspiel im September 2004 gegen Brasilien (1:1) zusammen arbeitet. «Fitte Spieler sind weniger verletzungsanfällig, auch wenn das natürlich nicht der einzige Aspekt ist», sagte Oliver Schmidtlein. Bei Bayern München ist er als Physiotherapeut angestellt, bei der Nationalelf darf er als Fitmacher sein in den USA erworbenes Wissen einsetzen. |
Bei der WM 1998 in Frankreich war Schmidtlein schon als Physiotherapeut bei der Nationalelf dabei - der gesamte medizinische Stab ist seit Jahren eingespielt. Der 63 Jahre alte Orthopäde und Sportmediziner Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, über 20 Jahre in Diensten des DFB, ist die erste Vertrauensperson im Mediziner-Stab. Bei der EM 1996, als Deutschland den letzten Titel gewann, hatte sich der Stürmer Klinsmann im Viertelfinale einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen. Nur sieben Tage später stand er auf dem Londoner Endspiel-Rasen und sicherte der DFB-Elf mit den Titel. Damals ging die Mannschaft nach den Ausfällen von Jürgen Kohler, Mario Basler und schweren Verletzungen von Fredi Bobic, Steffen Freund, Dieter Eilts und Thomas Helmer regelrecht am Stock - Bundestrainer Berti Vogts holte in der Not sogar Jens Todt nach England nach. Ähnliche Sorgen wird Trainer Klinsmann dieses Mal nicht bekommen: Das Puzzle seiner Gesundheitsreform passt. Jeden Tag spricht er zu festgelegten Zeiten mit Müller-Wohlfahrt und dem erfahrenen Physiotherapeuten Klaus Eder die Trainingsinhalte ab. «Ich habe den Eindruck, dass die Medizin wesentlich stärker mit in die Planungen und das tägliche Trainingsprogramm einbezogen wird», bestätigte Müller-Wohlfahrt.
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