«Glorreichen Vier» sollen Argentinien stoppen
Berlin (dpa) - 26.06.2006, 15:38 Uhr
Michael Ballack bedankt sich nach der Partie gegen Ecuador bei den Fans.
Auch am Ruhetag für seine Spieler gönnte sich Jürgen Klinsmann keine Verschnaufpause, sondern arbeitete im weitgehend verlassenen «Schlosshotel» im Grunewald schon an der vielleicht schwierigsten Aufgabe seiner Titel-Mission. Ausgerechnet im Giganten-Viertelfinale gegen den zweimaligen Weltmeister Argentinien müssen die Mannen um Kapitän Michael Ballack die wohl unheimlichste Serie in der Geschichte der Nationalmannschaft beenden: Fast sechs Jahre liegt der letzte Sieg der DFB-Auswahl gegen eine große Fußball-Nation zurück, und bei immerhin sieben der insgesamt 17 erfolglosen Länderspiele seit dem 1:0 gegen England am 7. Oktober 2000 saß Klinsmann selbst als Bundestrainer auf der Bank. «Der Zeitpunkt ist ein recht guter, um diese Serie zu beenden. Ich wünsche es mir. Und ich bin sehr optimistisch, dass es klappen wird», sagte Klinsmann. Die Erinnerungen an die Negativserie wollen auch die Spieler am 30 Juni (17.00) im Berliner Olympiastadion aus ihren Hinterköpfen verbannen. 16 Jahre nach dem letzten WM-Triumph in Rom gegen Maradona & Co. soll nur die Gegenwart zählen, insbesondere jetzt, da 80 Millionen Deutsche wie eine Wand hinter dem WM-Gastgeber stehen. «Das, was im Moment abläuft, hat mit normalen Länderspielen nichts zu tun. Die Serie ist kein Grund, an uns zu zweifeln», sagte Abwehrspieler Christoph Metzelder.
«Die Mannschaft ist darauf vorbereitet, den Traum Weltmeister zu verwirklichen», betonte der Dortmunder, der unbedingt am 9. Juli mit einem Vollbart den Weltpokal in den Berliner Abendhimmel recken möchte. «Der kommt erst ab, wenn wir ausscheiden», kündigte der Dortmunder mit dem sichtbaren Zeichen eines Drei-Tage-Barts an. Für Zufriedenheit mit dem bislang Erreichten sei überhaupt kein Platz, erklärte Metzelder: «Wir müssen gierig bleiben, wir wollen nicht, dass das Turnier am Freitag vorbei ist für uns.» Am ersten komplett trainingsfreien WM-Tag durften die Akteure bis zum gemeinsamen Abendessen neue Kraft schöpfen für ein Spiel, das auch für Klinsmann schon absoluten Final-Charakter hat. Selbst ein Hauen und Stechen wie beim überhitzten «Kartenspiel» Portugal gegen Niederlande (1:0) sei nicht auszuschließen, meinte der DFB-Coach: «Solche Spiele im K.o.-System treiben alles auf die Spitze. Auch so ein Spiel ist möglich. Ich hoffe aber, dass unsere Spieler sich im Griff haben werden.» |
Die Nerven zu behalten und die Emotionen zu zügeln, fällt von Runde zu Runde schwerer. Und total abschalten kann eh keiner mehr. «Die Jungs sind im Kopf schon auf das Spiel fixiert», registrierte Klinsmann sogar am freien Tag. Das gilt auch für ihn selbst: Ein angebliches Interesse des US-Fußballverbandes an seiner Verpflichtung blockte der Wahl-Amerikaner wie andere ablenkende Fragen rigoros ab. «Mich interessiert das in keinster Weise. Mich interessiert nur mein Job hier - und der muss weitergehen bis zum Endspiel.» Mit gleich zwei Trainingseinheiten will Klinsmann die heiße Vorbereitung auf das «Riesen-Kaliber Argentinien» eröffnen. Auf den bisherigen Kräfteverschleiß will er keine Rücksicht nehmen. «Wir werden so arbeiten, dass die Batterie noch voller wird.» Auch Ballack wird dabei mitmachen können, denn dessen Blessur am Mittelfuß aus dem Schweden-Spiel sei kein Problem mehr. «Alles behoben, alles bestens», vermeldete der Bundestrainer. Wie wichtig diese Nachricht ist, sagte er selbst, als er ein Loblied auf seinen Kapitän anstimmte, der im Mittelfeld als defensiver Arbeiter seine Lust auf eigene Tore zügeln muss. «Er hat den Moment ergriffen, uns zu führen. Sein Gespür für die Situation, seine spielerische und läuferische Aufopferung für die Mannschaft sind sehr wichtig», erklärte Klinsmann. Ballack gehört zu den «Glorreichen Vier», mit denen Argentinien im dritten Versuch unter Klinsmann endlich geschlagen werden soll. 2005 fehlte der Kapitän beim 2:2 im Freundschaftsspiel ebenso wie beim erneuten 2:2 beim Confed-Cup. Neben Ballack waren beide Male auch der neue deutsche Traumsturm mit Miroslav Klose und Lukas Podolski sowie der bislang ebenfalls auftrumpfende linke Verteidiger Philipp Lahm nicht dabei. «Das ist schon ein feiner Unterschied, und auch ohne die Vier waren wir nahe dran», betonte Mittelfeldspieler Bernd Schneider. Hinzu kommt, dass sich nach zwei Jahren Dauer-Schelte auch die Abwehr gerade rechtzeitig von einer Schießbude zu einer stabilen Einheit zu wandeln scheint. Nach drei Spielen ohne Gegentor fürchtet die Kette selbst Argentiniens geballte Offensiv-Power mit den Torjägern Crespo und Rodriguez, Saviola, Messi und Tevez sowie dem genialen Regisseur Riquelme nicht. «Wir haben genug Selbstvertrauen getankt, um an dieser Herausforderung zu wachsen», sagte Metzelder. Der Respekt vor dem Gegner ist trotzdem groß. «Argentinien ist die einzige Mannschaft, die neben den Einzelkünstlern auch als Team hervorragend organisiert ist», warnte Metzelder. Umgekehrt dürften aber auch die Südamerikaner schwer beeindruckt sein, glaubt der Vize- Weltmeister von 2002. «Der Gegner registriert, was hier im Land los ist. Das ist ein Mythos der Turniermannschaft, der weiterlebt.»
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