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Notizen von der Fußball-WM

26.06.2006, 15:30 Uhr

Thomas Hitzlsperger scherzt mit den «DFB-Pappkameraden».
Thomas Hitzlsperger scherzt mit den «DFB-Pappkameraden».

FREIHEITEN: Bundestrainer Jürgen Klinsmann lässt seinen «Kerlen» viel Freiraum - und ist sicher, dass er nicht enttäuscht wird. «Es hat sich ein Gefühl entwickelt, was die WM bedeutet. Das setzen sie nicht leichtfertig aufs Spiel», erklärte der Bundestrainer und hat daher auch keinen Strafgeld-Katalog für Vergehen auf seinem Nachttisch im Schlosshotel liegen. «Eine Mannschaftskasse würden die Spieler belächeln.» Klinsmanns «Regierungssprecher» Christoph Metzelder sieht in der Politik der langen Leine eine wirkungsvolle Maßnahme. «Er gibt viel in die eigene Verantwortung. So ein Turnier ist lang, es besteht die Gefahr, dass sich Konflikte aufbauen», sagte der Innenverteidiger und versprach: «Wir nutzen die Freiheiten - aber wir nutzen sie nicht aus.»

MÄNNERFREUNDSCHAFT: In der einst als «Schlappwehr» kritisierten deutschen Hintermannschaft stehen Per Mertesacker und Christoph Metzelder längst besser zusammen - und sie sind sich auch außerhalb des Spielfeldes näher gekommen. «Wir sind sehr eng zusammen gerückt, auch persönlich», verriet Metzelder über seinen Verteidigungs-Partner. Man spreche viel miteinander und gebe sich oft Ratschläge - offenbar ein Erfolgsrezept.

TRAININGSEIFER: Michael Ballack & Co durften sich über einen Tag lang vom Achtelfinal-Sieg erholen, doch mit Ausruhen ist es ab Montagabend vorbei. «Wir werden die Intensität nicht runterfahren», kündigte Bundestrainer Jürgen Klinsmann für Dienstag hartes Training bei hochsommerlichen Temperaturen an. «Wir werden so arbeiten, dass die Batterie noch voller wird.»

HAARIG: Bei Torsten Frings kommt die Zottel-Haarpracht erst nach Turnierende ab - und jetzt lässt es auch Christoph Metzelder wachsen. «Der kommt erst ab, wenn wir ausscheiden beziehungsweise, was wir hoffen, bis zum Ende dabei bleiben», sagte Metzelder. Am liebsten würde er am 9. Juli mit Vollbart in eine lange Party-Nacht starten.

EINPEITSCHER: In der WM-Vorbereitung war er der Trainingsweltmeister, in der K.o.-Runde bislang der Einpeitscher. Thomas Hitzlsperger ergriff kurz vor dem Duell gegen die Schweden noch einmal das Wort und wollte die Mannschaft damit noch ein bisschen mehr motivieren.


FEMININES BIER: Frauen haben den Männern zur WM den Fußball als letzte Bastion genommen. Jetzt scheint auch noch die Bierseligkeit als allerletzte verloren zu sein. Die «Centrale Marketing Gesellschaft der deutschen Agrargesellschaft» (CMA) in Köln hat bei einer repräsentativen Umfrage herausgefunden, dass der Anteil «weiblicher Biergenießer» bei den Spielen des Weltturniers von 55 auf 70 Prozent steigt. Während die Männer «die Kombination von Fußballspannung und schmackhaftem Bier als perfektes Genusserlebnis» empfänden, komme bei den Frauen «verstärkt das Gemeinschaftserlebnis und die Geselligkeit hinzu».

WM-IT: Das Netz der Informationstechnologie (IT) bei der Fußball-WM in Deutschland hat weltmeisterliches Format. Auf den Daten-Autobahnen werden während des Sportgroßereignisses 15 000 Milliarden Bit an Informationen umgeschlagen. «Dies entspricht den Informationen von 100 Millionen Hand- und Fachbüchern», erklärte Mike Kelly, Leiter der FIFA IT-Abteilung am Montag in Berlin. Rund 8000 Kilometer Kabel mussten zusätzlich verlegt werden, um eine optimale WM-Infrastruktur zu haben. Dazu gehören auch 40 000 Sprach- und Datenports und 3000 Computer. Zu den wesentlichen Aufgaben der IT-Experten der FIFA gehörte die Akkreditierung von etwa 250 000 Menschen bei der WM.

KNASTWETTEN: Das Wettfieber zur Fußball-WM macht auch vor Gefängnistoren nicht halt. In der chinesischen Stadt Hongkong müssen seit dem Auftaktspiel in München 19 Gefangene mit Zusatzstrafen rechnen, weil sie bei illegalen Wetten zu den Fußballspielen erwischt worden sind. Die Gefängnisleitung erklärte, man werde weiter unnachsichtig mit Großrazzien, nächtlichen Zellendurchsuchungen und anderen Aktivitäten gegen Regelverstöße vorgehen. Aus der Freiheit hinter Gitter gekommen sind der Wetten wegen mehr als hundert Bürger von Hongkong.

SUPEREHRLICH: Einen leidenschaftlichen Fußballfan hat der Stuttgarter Fundbürochef Dieter Walter glücklich gemacht. «Er hatte eine Box mit seinem Ticket für das Vorrundenspiel Spanien gegen Tunesien verloren», erinnert sich Wolf. Doch der Mann hatte Glück: Ein ehrlicher Finder gab die Eintrittskarte beim Fundbüro ab - einen Tag vor der Begegnung. Obwohl das Büro schon geschlossen war, drückte Wolf ein Auge zu - und machte den Fan überglücklich. Er bekam die Eintrittskarte zurück - gerade noch rechtzeitig. «Der Mann hat versprochen, mich in sein Nachtgebet einzuschließen», berichtet der Beamte über seine «Belohnung».

ENGLAND ADÉ: Das spielerisch enttäuschende Auftreten der englischen WM-Fußballer bleibt auch bei den Fans nicht ohne Folgen. So wird das große Camp für englische WM-Besucher in Achern voraussichtlich geschlossen. Grund sei die geringe Zahl an Buchungen für die nächsten Tage, teilte die Stadtverwaltung mit. «Es sieht so aus, als ob die Fans lieber direkt zum Viertelfinalspiel der Engländer nach Gelsenkirchen fahren», sagte Frank Limberger, Vorsitzender der Acherner Werbegemeinschaft angesichts von nur 500 Gästen. Das Camp bietet Platz für 5000 Fans.

WM-CHIRURGEN: Das WM-Fieber hat Hamburgs Kliniken erreicht. Im katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift im Stadtteil Rahlstedt wird inzwischen sogar unter OP-Mützen im Fußball-Design operiert. «Die kleinen Patienten finden uns schick», meinte am Montag der Chefarzt der Chirurgie, Rüdiger Werbeck. Die Gänge in den Klinik- Stationen sind mit Flaggen dekoriert, einige kleine Patienten zeigen stolz ihre Pflaster in Schwarz-Rot-Gold.

MATRATZENLAGER: Für Brasiliens Nationalspieler endet jedes Training auf bunten Matten. Darauf machen Ronaldinho & Co. Kraft- und Entspannungsübungen. Zé Roberto stählt mit Sit-Ups seinen «Sixpack», Roberto Carlos dehnt seine mächtigen Wadenmuskeln und Kapitän Cafú (36) macht mit den Physiotherapeuten spezielle Kraftübungen für sein operiertes Knie.

ZU ALLEM FÄHIG: Erzbischof Charles Palmer-Buckle aus Accra ist fest überzeugt vom Sieg der ghanaischen Nationalelf im WM-Achtelfinale am Dienstag gegen die Ballzauberer aus Brasilien: «Ich glaube, dass unsere Spieler zu allem fähig sind. Wir werden die Welt überraschen», sagte der katholische Gottesmann in Radio Vatikan. Wenn aber nicht, sei es auch keine Katastrophe: «Wir fühlen uns jetzt schon als Weltmeister.» Begeistert berichtete Palmer-Buckle von der Euphorie auf den Straßen Accras nach dem Weiterkommen in den Gruppenspielen: «Auf einmal fühlen wir uns als eine Nation, fühlen wir uns wirklich als ein Volk, vereint hinter unserer Nationalmannschaft.» Hier zeige sich auch, dass in Afrika nicht alles schlecht sei.

UNPÜNKTLICH GEHT AUCH: Auch vor dem WM-Klassiker gegen den WM- Gastgeber bleibt die argentinische Fußball-Nationalmannschaft in puncto Pünktlichkeit ein Problemfall. Dabei gewähren sich die «Gauchos» bei den Anfangszeiten zu ihrem Training vor dem Match gegen Deutschland sogar schon enorme Freiräume. So hieß am Sonntagabend, dass die Übungseinheit am Montagmorgen zwischen 10.00 Uhr und 10.30 Uhr beginne. Weit gefehlt. Denn bis die Mannschaft auf dem rund 50 Meter vom WM-Quartier entfernten Trainingsplatz komplett eingetroffen war, zeigte die Uhr 10.55 Uhr.

BOYKOTT: Brasiliens bisher recht glückloser Stürmer Adriano hat es den Journalisten noch nicht verziehen, dass sie seine Auftritte in den ersten beiden WM-Spielen kritisierten. Zumal er beim 4:1 gegen Japan dann durch Robinho ersetzt wurde. Seitdem läuft der Confed-Cup- Torschützenkönig mit mürrischer Miene und wortlos an allen Mikrofonen und Kameras vorbei. Die Medienvertreter tragen es mit Fassung: Ronaldo hatte in der Vorbereitung auch schon so eine Phase.

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