«Rote Karte» für Schiedsrichter Poll - Karten-Flut
Berlin/Neu-Isenburg (dpa) - 25.06.2006, 14:13 Uhr
Schiedsrichter Graham Poll muss wohl selbst mit der «Roten Karte» rechnen.
Nach seiner blamablen Gelb-Trilogie muss der englische Schiedsrichter Graham Poll mit der «Roten Karte» rechnen.
«Er weiß, dass die WM für ihn wohl zu Ende ist, auch wenn noch keine Entscheidung getroffen wurde», sagte Andreas Werz, Sprecher des Fußball-Weltverbandes FIFA für Schiedsrichterfragen. Am 28. Juni wird die Referee-Kommission der FIFA entscheiden, welche der 21 Trios in den letzten acht Turnierspielen vom Viertelfinale an eingesetzt werden und wer die vorzeitige Heimreise antreten muss.
«Im Vordergrund wird die bisherige Leistung stehen, aber auch die Ausgewogenheit zwischen den Konföderationen», erklärte Werz. Trotz einer nicht ganz souveränen Spielleitung der Begegnung USA - Ghana dürfte der deutsche Unparteiische Markus Merk (Otterbach) vom Heim- Bonus bei seiner letzten WM profitieren und gute Chancen auf seinen vierten Einsatz haben. Er darf in der Runde der letzten Acht aber weder die deutsche Partie gegen Argentinien noch das Spiel pfeifen, in dem der mögliche Halbfinal-Gegner der DFB-Auswahl ermittelt wird. Merk wie Poll hatten frei und fehlten beim öffentlichen Training in Neu-Isenburg.
Als Ursache seiner Fehlleistung im Spiel Kroatien - Australien gab Poll vor der FIFA-Kommission an, bei der zweiten Gelben Karte gegen den Bundesliga-Profi Josip Simunic (Hertha BSC) fälschlicherweise den Namen des australischen Spielers mit der Rückennummer 3, Craig Moore, notiert zu haben. Auch im weiteren Spielverlauf hatten weder der Brite noch dessen Assistenten oder der vierte Offizielle die Verwechslung bemerkt. Erst als er Simunic in der Nachspielzeit zum dritten Mal verwarnte, zeigte Poll Gelb-Rot.
«In seinen 26 Jahren als Schiedsrichter ist ihm so etwas nicht passiert. Er ist am meisten enttäuscht und spricht sich nicht von Schuld frei», teilte die FIFA mit. Poll, neben dem Japaner Toru Kamikawa einziger Profi-Referee bei der WM, sei deshalb sehr «niedergeschlagen».
Trotz dieser peinlichen WM-Premiere sowie diverser strittiger und vom Fernsehen nachträglich zum Teil als falsch entlarvter Entscheidungen verkniff sich der FIFA-Kommissionsvorsitzende Angel Maria Villar Llona jegliche Kritik. «Ich hatte schon gesagt, dass man die beste Leistung bei einer WM sehen würde», sagte der Spanier, «und im Allgemeinen sind die Schiedsrichter sehr gut, ja hervorragend». Statt Poll zu verdammen, meinte er nur: «Er ist ein großartiger Sportler und jemand, der das Pfeifen liebt.»
Paradox ist auch ein anderes Phänomen bei der WM: Obwohl bislang kaum brutale Fouls zu verzeichnen waren, gab es eine wahre Karten- Flut. In den 48 Vorrundenspielen wurden 18 Kicker vom Platz gestellt - dies ist schon einer mehr als 2002 in Japan und Südkorea. Nur bei der WM 1998 in Frankreich wurden mehr rote Kartons (22) gezeigt. Außerdem zückten die Unparteiischen vor Beginn der K.o.-Runde 232 Mal «Gelb» und könnten im weiteren Turnierverlauf den Rekord von vor vier Jahren (272) übertreffen. «Es ist kein schmutziges Turnier», stellte der russische Schiedsrichter Walentin Iwanow dennoch fest.
«Die FIFA will Spiele und keine Kämpfe sehen», begründete Iwanow, der das Achtelfinale zwischen Portugal und den Niederlanden pfiff, das harte Durchgreifen und betonte: «Wir hassen die Spieler nicht.» Für die FIFA ist die Karten-Flut und das recht anständige Betragen der Profis auf dem Platz kein Widerspruch. «Die Tatsache, dass die Schiedsrichter so konsequent agiert haben, ist ein Grund, warum die Partien nicht unfairer und schmutziger gewesen sind», meinte FIFA-Mediendirektor Markus Siegler.