Wo der Fußball zum Volk zurückkehrt
Berlin (dpa) - 23.06.2006, 14:16 Uhr
Fußballfans feiern auf dem Fanfest in Hamburg den Sieg der DFB-Elf gegen Ecuador.
Theo Zwanziger hatte den richtigen Riecher: «Die Leute wollen Optimismus, und der Fußball bietet ihnen die Plattform dafür.» Der geschäftsführende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) schon vor dem riesigen Ansturm der Fan-Millionen auf die Party-Meilen dieser Weltmeisterschaft die richtige Feststellung getroffen. Fußball allein zu Haus, und Mutti schenkt das Bier ein, das ist TV-Geschichte. Im Festgedrängel dieser WM lebten 8 Millionen Menschen ihre positiven Emotionen auf den Fanfesten des Weltverbandes FIFA aus. Die Fan-Bilanz der 48 Vorrundenspiele auf allen Festen auch außerhalb der WM-Städte ist mit rund 15 Millionen Menschen gigantisch. Im Vergleich sind die glücklichen Ticketbesitzer deutlich in der Minderheit. Knapp 2,5 Millionen Menschen sahen in den 12 Stadien die Vorrundenspiele, die letzten und ausverkauften vier eingerechnet.
«Die ganze Stadt ist auf den Beinen», sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in Berlin zu der phänomenalen Fan- Bewegung. Aus der Hauptstadt kam beim Ersatzfest für die abgesagte FIFA-Gala zwei Tage vor WM-Start mit mehr als 300 000 begeisterten Besuchern das erste große Signal. Die Menschen strömten herbei, obwohl der Ball noch gar nicht rollte, nur Pelé, Bobby Charlton und Paul Breitner kickten ein paar Bälle ins Publikum. Der Rest war Musik und einfach nur gute Laune ohne Sicherheitsprobleme. Als die Spiele dann begannen, stiegen die Berliner Zahlen, aber auch sonst überall im Lande, von Tag zu Tag immer höher. Beim 1:0 für Deutschland gegen Polen in Dortmund jubelten auf der Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule schon 500 000 Menschen. Mehr als 700 000, das lag schon im Bereich der Silvesterparty oder der Love Parade, freuten sich wie Bolle über das 3:0 der Klinsmänner gegen Ecuador. |
Wie in Berlin mussten auch in Hamburg, Dortmund, Köln und anderen Städten die Veranstalter schon bald verzweifelt auf die Suche nach neuen Videowänden und mehr Platz zur besseren Verteilung der Massen gehen. Mehrmals mussten wegen des Andrangs aus Sicherheitsgründen die Einlässe lange vor Spielbeginn geschlossen werden. Sogar der Präsident des Organisationskomitees, Franz Beckenbauer, wollte «sehr gerne ein Fanfest besuchen» und bedauerte es glaubwürdig, dass sein enger Zeitplan dieses Gemeinschaftserlebnis bisher nicht zuließ. FIFA-Präsident Joseph Blatter, sein Medienchef Markus Siegler und die DFB-Spitzen äußerten mehrfach über die Fanfeste ihre Begeisterung, weil sie spürten, dass auf den schönsten Boulevards und Plätzen der Städte der Fußball irgendwie zurück zum Volk kam. Lange gab es Sorgen über die mögliche Wut der vielen Hunderttausend, die beim Ticket-Roulette nicht zum Zuge gekommen waren. «Das ist hier ja besser als im Stadion», ist einer der meistgehörten Sprüche in der Feier-Schar. In die Vorzeige-Bilanz dieser WM stimmten einträchtig Polizei, der Bundesinnenminister und die Behörden der Länder ein. Bis auf den gescheiterten Randale-Versuche einiger Unverbesserlicher in Dortmund beim Polen-Spiel blieb die Stimmung friedlich und fröhlich. Vom ersten Tag an durfte sich «die Welt zu Gast bei Freunden» in Sicherheit fühlen. «Es war auch nicht viel Schlimmer als bei normalen Bierzelt- Festen», fasste ein bayerischer Polizeisprecher die Erfahrungen zusammen. Also: Die übliche Menge an Bier- und Schnapsleichen, einige hundert Hitze-Ohnmächtige und die gewohnten Prügeleien unter meist jugendlichen Gruppen, das war aber auch schon alles. Um die Welt gingen dagegen die vielen lachenden Gesichter auch «gegnerischer» Fangruppen, die oft sogar ihre Fahnen, Hüte und andere Kostümierungen tauschten. Ganze Innenstädte wurden in Gelb oder Orange getaucht, die Fanfeste versetzten die Städte in einen «fröhlichen Ausnahmezustand», wie es ein Hamburger Polizeisprecher formulierte.
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