Fernsehen als Fanmeile - Fans Jubelkulisse
Berlin (dpa) - 23.06.2006, 10:23 Uhr
In Berlin gehören die Fans gewissermaßen zum Studio-Equipment.
Sie schwenken Fahnen, tragen lustigen Kopfschmuck und sind auch sonst immer gut drauf: Die Fans als farbenfroh-bewegter Hintergrund der Fußball-WM. Das wissen auch die Fernsehsender. Auf fast allen Kanälen sind jubelnde Menschen Kulisse. Das gilt für die gesamte Palette der Rahmen-Berichterstattung - Analysen, Kommentare und Interviews. Ob bei Johannes B. Kerner in der ZDF-Arena an Berlins Potsdamer Platz oder bei Günther Jauch von RTL vor dem Brandenburger Tor - Deutschlands Fernsehen als Fanmeile. Lediglich die ARD hat sich in einer «Raumschiff-Enterprise-Kulisse» für die Gespräche zwischen Gerhard Delling und Günter Netzer eingerichtet. «Das Fernsehen fängt die Stimmung auf und zeigt Deutschland als riesige Fan-Gemeinde, die den TV-Sport zelebriert», sagt Thomas Horky vom Hamburger Institut für Sportjournalistik. Die Moderatoren inszenierten sich selbst vor Publikum und griffen Reaktionen der Zuschauer auf, wie es bei den Gesprächen zwischen Jauch und Ex-Bundestrainer Rudi Völler deutlich werde. «Die Sendungen sind selbst Teil des Public Viewing geworden», sagt Horky. Das so genannte Public Viewing mit den großen TV-Wänden an öffentlichen Orten habe sich bei dieser WM als neue Form der Sportbetrachtung etabliert - «ein Trend, den die Sender aufgreifen und verstärken».
Mit den öffentlichen Vorführungen von WM-Spielen übertreffen die Sender ihre eigenen Zuschauerrekorde. Das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Costa Rica sahen nach Angaben von ZDF-Intendant Markus Schächter zusätzlich zu den 20,6 Millionen offiziell gemeldeten TV-Zuschauern weitere 12 Millionen außer Haus. Damit habe Public Viewing in Deutschland den Durchbruch erreicht. Es sei vor allem deshalb ein Erfolg, weil Orte des gemeinsamen Feierns heutzutage fehlten, sagt Horky. Laut Bernd Gäbler, früherer Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts, müssen die Sender bei der WM in Deutschland einen Spagat vollziehen. Fernsehen eigne sich vor allem für dramatische Bilder: «Das verzweifelte Gesicht des Trainers, das heimliche Handspiel, der genaue Pass.» Doch wenn es um «das Große und Ganze» gehe, falle den TV-Machern nichts anderes ein als «tolle Stimmung» oder «Gänsehaut-Atmosphäre». Dann gebe es «sinnlose Schalten irgendwohin, wo der Reporter unter johlenden, schwitzenden, lauten und bunten Menschen steht», schrieb Gäbler im Berliner «Tagesspiegel». |