Die deutschen Fußballer präsentieren sich bei der Weltmeisterschaft nicht nur körperlich topfit, Jürgen Klinsmann sieht sie auch mental für das erste «Nervenspiel» gegen Schweden gewappnet.
Denn neben den US-Fitnesstrainern gehört in Hans-Dieter Hermann erstmals bei einem großen Turnier auch ein Sportpsychologe zum Betreuerteam der Nationalmannschaft.
Klinsmann holte den Dozenten an der Universität Heidelberg vor anderthalb Jahren in seinen Stab. «Die Mannschaft ist nicht nur körperlich stabil und gut drauf», betonte der Bundestrainer, «sondern sie ist auch mental auf diese WM gut vorbereitet.» Klinsmann sieht sein Team präpariert, um auch einmal einen Rückstand zu verkraften. «Wir haben über diese Situation schon öfter gesprochen. Uns wäre nicht bange davor. Man muss den Glauben haben, Spiele herumreißen zu können, wenn es sein muss, auch in der 92. Minute. Diese Überzeugung haben wir.»
«Eine WM wird auch im Kopf entschieden», sagt Hermann. Aber im Gegensatz zu Technik, Taktik und Kondition ist die psychologische Leistungs-Komponente schwerer zu fassen. Hermann erläutert es so: «Entscheidend ist, dass man als Spieler einen Werkzeugkoffer in der Hand hat und weiß, wie man sich psychologisch regulieren kann zu gewissen Zeitpunkten.» Ein Elfmeterschießen etwa, das über das Weiterkommen entscheiden könnte, werde nicht mit den Füßen gewonnen, sondern in erster Linie mit dem Kopf. «Das sind 80 bis 90 Prozent Psychologie. Denn schießen können alle.»
«Sportpsychologie ist Training und kein Hokuspokus», betont der 46-Jährige, der auch die deutsche Hockey-Nationalmannschaft sowie sporadisch Österreichs Ski-Elite betreut. In Mannschaftssportarten ist der Teamgeist besonders wichtig. Rituale wie der Schulterschluss der deutschen Spieler bei der Nationalhymne könnten eine Gruppe stabilisieren, erläutert Hermann. Ein Stinkstiefel dagegen kann sie sprengen. «Wenn man drei davon in der Gruppe hat, wird es schwierig.»
Der Zusammenhalt lässt sich gezielt beeinflussen. Die Nationalspieler bat Hermann an eine Kletterwand. «Das war Teil des Teambuildings. Es geht darum, Situationen zu schaffen, in denen man merkt, ich brauche den anderen, ich kann über Sachen hinüberkommen, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte.» Beim Klettern musste man sich irgendwann fallen lassen. «Wenn man aus 16 Metern sechs Meter fällt, funktioniert das nur, wenn der Teamkamerad einen hält. Ich verlasse mich da blind auf ihn. Da kann man Analogien zum Spiel herstellen.»
Auch auf dem Platz muss sich jeder auf den anderen verlassen können. Hermanns Arbeit basiert ebenfalls auf dem Faktor Vertrauen. Über Gespräche mit Spielern äußert er sich öffentlich nicht. «Ich könnte als Vertrauensperson einpacken, wenn Details nach Außen dringen würden.»
Im Fußball hat es die Sportpsychologie ohnehin nicht leicht. Als die Erkrankung von Sebastian Deisler an Depressionen im Frühjahr 2004 eine Diskussion um die psychologische Betreuung von Fußball-Profis in Gang setzte, erklärte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: «Eine generelle Betreuung durch Psychologen wird in der Nationalmannschaft nicht stattfinden.» Andere Sportarten waren und sind dem Fußball da seit langem voraus: In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2004 in Athen arbeiteten 25 Sportpsychologen in 17 Fachverbänden.
Beim DFB wird von Klinsmann nun besonders viel Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung der Nationalspieler gelegt. Der Bundestrainer glaubt, dass sich diese Arbeit bei der WM auszahlen wird: «Die Jungs sind gewachsen und reifer geworden. Das ist die Basis, um in die jetzt beginnenden Nervenspiele zu gehen. Denn im K.o.-System wird der Fußball zur Kopfsache.»