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Auslandsmedien: WM als «Gruppentherapie»

Berlin (dpa) - 18.06.2006, 10:18 Uhr

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«Über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs legen die Deutschen einen Komplex ab und bekennen sich zu ihren nationalen Farben.» Dies ist das Fazit, das die internationale Presse einhellig aus der Patriotismus-Welle bei der WM in Deutschland zieht.

Ob in Frankreich, den USA oder Mexiko - überall sieht man in den vielen schwarz-rot-goldenen Fähnchen beim WM-Veranstalter ein positives Zeichen. «Die Fans des Teams von Jürgen Klinsmann müssen sich nicht mehr mit den Erinnerungen ihrer Eltern herumplagen, die mit einem kollektiven Schuldgefühl wegen der Verbrechen des Hitler-Regimes aufgewachsen waren», schreibt die Pariser Zeitung «Le Monde». «Vor nicht so langer Zeit hatte das Schwenken der Nationalflagge noch als deplatziert gegolten.» Das Konkurrenzblatt «Libération» bescheinigt den Deutschen: «Sie haben allen Grund, auf ihre Erfindungen stolz zu sein - wie die Lederhose, den Porsche, das Aspirin oder die Wurst ohne Pelle.»

Die WM half den Deutschen nach Ansicht der US-Zeitung «The Miami Herald» dabei, ein lange Zeit unterdrücktes Gefühl von Nationalstolz zu entdecken. Die mexikanische Zeitung «El Universal» berichtet: «Deutschland hüllt sich mit einer Begeisterung in Schwarz-Rot-Gold, wie man es seit Kriegsende noch nicht erlebt hat. Die kollektive Buße währte 61 Jahre. Der Zauber des Fußballs setzte ihr ein Ende.» Das portugiesische Blatt «Diário de Notícias» ergänzt: «Die WM wird zur besten Gruppentherapie für die Deutschen, die sich mit großen Identitätskomplexen herumplagen, obwohl sie Exportweltmeister sind und ein großzügiges Sozialsystem haben.»

Spaniens größte Zeitung «El País» erinnert daran, dass der Patriotismus in Deutschland lange Zeit als ein Monopol der Rechtsradikalen gegolten hatte: «Die Rebellion von 1968 stellte der Generation der Eltern die Frage: Was habt Ihr im Krieg gemacht? Dies verhinderte, dass so etwas wie eine Liebe zum Vaterland aufkommen konnte.» Es komme heute noch häufig vor, dass ein Ausländer einer jungen Deutschen sage: «Du sieht aber nicht deutsch aus», und die Frau dies als ein Kompliment empfinde und sich bedanke.

«Deutschland erlebt einen 'Patriotismus light', sympathisch und gelassen», schreibt «La Vanguardia» in Barcelona. «Selbst in Berlin-Kreuzberg, dem Viertel der rebellischsten Systemgegner, ist es plötzlich cool, für Deutschland zu sein.» Der Londoner «The Guardian» findet, dass die Deutschen trotz aller Begeisterung noch eine Zurückhaltung wahren: «Es herrscht in Deutschland immer noch eine gewisse Sensibilität beim Zeigen von Patriotismus. Das ist in Ordnung, wenn es um Fußball geht. Ein verrücktes Flaggenzeigen, wie es derzeit in England die Regel ist, wäre hier undenkbar.»


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