Philipp Lahm ist der große Gewinner der ersten WM-Woche - und für Deutschland der erste Linksverteidiger mit Weltklasse-Format seit Andreas Brehme.
«Die Qualität, die Philipp Lahm auf seiner Position hat, haben nicht viele auf internationalem Parkett», sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann und bescheinigte damit seinem Musterschüler schon nach zwei Weltmeisterschafts-Auftritten Spitzenniveau.
Am 8. Juli 1990 setzte sich der damalige Mailänder Andreas Brehme mit seinem verwandelten Elfmeter zum 1:0 im WM-Finale gegen Argentinien ein Fußball-Denkmal - danach begann eine teilweise schon verzweifelte Suche nach einem Nachfolger. Eine illustre Schar an Nationalspielern versuchte sich auf der linken Defensiv-Position. Am ehesten kam noch Christian Ziege an Brehmes Klasse heran, der 1996 wesentlich zum EM-Titel betrug.
Ansonsten versuchten sich Michael Frontzeck, Martin Wagner, Michael Schulz, Ronald Maul, Ralf Weber, Dirk Schuster, Jörg Heinrich, Thomas Helmer, Michael Tarnat, Jörg Albertz, Marco Bode, Tobias Rau - und beim Confed-Cup im vergangenen Jahr sogar Bernd Schneider als Linksverteidiger.
Hoffnungen auf einen neuen herausragenden Mann für die Defensive gab es nach Brehme oft, erfüllt werden könnte sie nun durch einen 1,70 Meter kleinen, schmächtigen Jüngling namens Lahm, der am 18. Februar 2004 in Split gegen Kroatien (2:1) sein Länderspiel-Debüt feiert. «Er liest ein Spiel wie kaum ein anderer. Er ist auf internationalem Level und bringt sich dadurch selbst ins Gespräch, auch wenn er langfristig unter Vertrag ist in München», sagte Klinsmann. Er war nicht der einzige, der Lahm in der ersten WM-Woche über alle Maßen lobte. Fußball-Legende Diego Maradona bescheinigte Lahm eine «Weltklasse-Leistung», der große Pelé schwärmte vom besten deutschen Spieler in den beiden ersten Begegnungen.
Für Entdecker Hermann Gerland, der den Rechtsfuß einst beim FC Bayern gefördert und das richtige Grätschen beigebracht hatte, ist Lahm der Beste, den er je in seiner Talent-Schmiede hatte. Lahm und Brehme seien zwei völlig unterschiedliche Typen, verriet Gerland der «Süddeutschen Zeitung». «Philipp ist viel fixer und schneller, aber Brehme hatte einen gewaltigen Schuss in beiden Füßen und war deutlich torgefährlicher.» Brehme war beidfüßig stark, Lahm könnte mit dem schwächeren linken Fuß noch besser werden. Zwar werden seine Flanken mit links immer gefährlicher, doch zum Traumtor gegen Costa Rica brauchte er den stärkeren rechten Fuß.
Lahm nahm das viele Lob bescheiden auf. «Es hat sich nicht viel verändert. Ich lebe weiter im Hotel und spiele jeden Tag Tischtennis», erklärte der Bayern-Profi mit dem spitzbübischem Lächeln und betont glaubhaft: «In erster Linie ist es wichtig, dass man Spaß hat auf dem Feld.» Vom möglichen Angebot des FC Chelsea will er aus der Zeitung erfahren haben. «Es ehrt mich. Aber im Moment ist WM im eigenen Land, ich mache mir darüber keine Gedanken», sagte Lahm, der bis 2009 beim FC Bayern unter Vertrag ist.
An den kometenhaften Aufstieg war vor einem Monat nach seiner Ellbogen-Operation nicht zu denken gewesen. Er sei nach der OP in ein kleines Loch gefallen und habe sogar geweint, gestand Lahm. Mittlerweile ist er fast wieder der Alte und die Schiene, die das Gelenk schützt, meistens ab. «Am Tag trage ich sie nicht mehr, nur zum Training und zum Spiel, und mit Sicherheit die nächsten Spiele», erklärte Lahm, der bei Klinsmann gesetzt ist. Und auch sein Ersatzmann hat größeres Potenzial als viele der gescheiterten Brehme- Nachfolger: Der Mönchengladbacher Marcell Jansen vertrat Lahm erfolgreich während dessen Verletzungen.