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Das System Klinsmann greift: «Wichtig zu sehen»

Berlin/Stuttgart (dpa) - 16.06.2006, 15:10 Uhr

Bundestrainer Jürgen Klinsmann steht am Scheideweg seines Systems.
Bundestrainer Jürgen Klinsmann steht am Scheideweg seines Systems.

Die Fußball-Welt staunt über das System Klinsmann - und sogar die schärfsten Kritiker schwenken um. In den zwei Jahren seiner Amtszeit wurden die neuen Methoden des Fußball-Reformers Jürgen Klinsmann oft belächelt und abgelehnt.

Spätestens seit dem mitreißenden 1:0 im zweiten WM-Spiel der deutschen Nationalelf gegen Polen sind US-Fitness-Experten, Sportpsychologen und der offensive Jugendstil salonfähig.

«Es ist wichtig zu sehen, dass die Arbeit greift, die wir in Gang gesetzt haben», betonte WM-Projektleiter Klinsmann. Und auch der Chef selbst findet mehr und mehr Gefallen. «Ich muss sehr schnell lernen - und das wird auch nach der WM weiter gehen», deutete Klinsmann nach der Achtelfinal-Qualifikation an, dass er entgegen vieler Voraussagen seine Arbeit nach der WM doch fortsetzen könnte.

Journalisten aus der ganzen Welt fahnden inzwischen nach den Geheimnissen des Trainer-Neulings Jürgen Klinsmann. Das Konzept seiner Mission, die er bei seinem Amtsantritt im Juli 2004 selbst als «Challenge 2006» betitelt hatte, stammt aus Amerika. Die Einflüsse kommen aus der ganzen Welt, doch der Chef ist mehr deutsch als viele meinen. Er ist exakt, gründlich, pünktlich. Seine Wurzeln liegen in Stuttgart-Botnang, wo Mutter Martha und Schwägerin Bärbel noch immer hinter der Ladentheke der Klinsmannschen Bäckerei stehen.

«Am Anfang war es schön. Jetzt bin ich froh, wenn es wieder vorbei ist», sagte Martha Klinsmann über den neuen Rummel in ihrem Laden. «Die Bäckerei war immer mit dem Fußball verbunden», erzählte Sohn Jürgen. Doch in diesen Tagen wollen offenbar alle das Heimathaus des deutschen Bundestrainers beäugen. Allein am Freitagvormittag waren schon drei Medien-Teams im Laden: Aus England, Singapur und Australien. Geheimnisse werden sie von Mutter und Schwägerin allerdings nicht erfahren. Denn eins gilt bei den Klinsmanns als oberstes Prinzip: Die Privatsphäre wird geschützt.


Seine Unabhängigkeit stellt Klinsmanns über alles, auch als Bundestrainer: Er macht sich sogar weitgehend unabhängig vom eigenen Verband, was ihm beim DFB auch einigen Gegenwind einbrachte. Klinsmann schuf eine eigene kostspielige Abteilung Nationalmannschaft innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), er ließ mit Oliver Bierhoff einen eigenen Manager für die DFB-Elf installieren, er arbeitet mit einem Sportpsychologen und Fitness-Trainern aus den USA. Insgesamt 25 Personen umfasst der Stab einschließlich des Chefs. Außerhalb der offiziellen DFB-Delegation ist Berater Roland Eitel seine tägliche Kontaktperson.

Klinsmann gibt «Teil-Verantwortung» ab an seine Spezialisten - das totale Vertrauen aber hat er nur in wenige Menschen. Auch dies charakterisierte Klinsmann schon als Profi: Er begegnete anderen skeptisch. Erst wenn er Vertrauen gefunden hat, gibt er dies zurück. Assistent Joachim Löw ist sein erster Ansprechpartner, «auch am Spielfeldrand», berichtete Klinsmann.

Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat bei dieser WM enorm an Bedeutung gewonnen. Mark Verstegen vom US-Fitness- Unternehmen «Athlet' Performance» ist nahe am Bundestrainer dran. Manager Oliver Bierhoff und Torwart-Coach Andreas Köpke sind enge Dienst-Gefährten. «Es ist schön, dass sie Anerkennung bekommen», betonte Klinsmann nach den ersten WM-Erfolgen. Denn er weiß: «Glaubwürdigkeit bekommt man erst durch den Erfolg.»

Klinsmanns WM-Kurs ist kompromisslos, auf Einzelschicksale hat er in den vergangenen 23 Monaten wenig Wert gelegt. «Ich bin für die Diplomatie nicht geeignet und habe dafür auch keine Zeit», sagte der 41-Jährige. Klinsmann hat auf die Karte Risiko gesetzt, zwei Mal hat sie bei dieser WM schon gestochen. Ob er sein mutiges Spiel gewinnt, ist weiter unklar. Denn sein System schließt auch mit ein, in der K.o.-Runde möglicherweise mit fliegenden Fahnen unterzugehen.

Die Begeisterung ist geweckt, nicht nur in Deutschland. Unter dem großen Franz Beckenbauer schoss die DFB-Elf in 66 Spielen 107 Tore. In gerade 29 Partien unter Klinsmann stehen bereits 72 Treffer zu Buche. Der Angreifer Klinsmann steht auch als Trainer für Attacke.

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