Deutschland muss Ecuador für Gruppensieg schlagen
Berlin/Dortmund (dpa) - 15.06.2006, 17:01 Uhr
Oliver Neuville (l) jubelt über sein Tor zum 1:0. Hinter ihm Polens Keeper Boruc.
Schon nach dem zweiten Sieg und dem vorzeitigen Einzug ins WM-Achtelfinale ist Deutschland im Ausnahmezustand - doch die traumhafte Fußball-Nacht gegen Polen soll erst das Vorspiel für weitere Höhepunkte gewesen sein. Nach dem Last-Minute-Treffer von Edel-Joker Oliver Neuville, der die Festung Westfalenstadion in ein Tollhaus verwandelt hatte und Millionen deutsche Fans auf den Party-Meilen sowie am heimischen Fernseher in eine überbordende Begeisterung versetzte, kam es noch in den Stadion-Katakomben zum Schwur von Dortmund. «Hierhin will das Team zurück», verriet Torhüter Jens Lehmann, als er aus der Kabine kam - und sprach damit bereits offen vom Halbfinale am 4. Juli. Erst einmal steht jedoch das Endspiel um den Gruppensieg gegen Ecuador bevor: Nach dem 3:0 der Südamerikaner gegen Costa Rica muss die deutsche Elf in Berlin gewinnen, um Erster in Gruppe A zu werden und damit einem möglichen Duell mit England aus dem Weg zu gehen. «Wir wollen den Gruppensieg - mit aller Macht. Im Achtelfinale muss man nicht gleich den eher schwereren Brocken erwischen», erklärte Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Ein K.o.-Spiel gegen England will auch Oliver Bierhoff vermeiden. «Mit Schweden oder Paraguay könnte ich besser leben», kommentierte der Team-Manager. Platz eins ist auch deshalb das Ziel, weil man dann weiter in den großen Arenen spielen würde, so Lehmann: «Achtelfinale in München, Viertelfinale in Berlin und schließlich wieder Dortmund.»
Das hochverdiente 1:0 gegen Polen hat Mut gemacht und war auch nach Ansicht von Klinsmann viel mehr wert als nur die drei Punkte für den Achtelfinal-Einzug. «Das ist eine ganz wichtige mentale Erfahrung», hob der Bundestrainer die psychologische Bedeutung des Erfolges hervor. Fit wie die Weltmeister erzwangen die von einem Wahnsinns-Publikum nach vorne gepeitschten «Klinsmänner» nach der Gelb-Roten Karte von Radoslaw Sobolewski (75.) mit einer lange nicht mehr erlebten Willensstärke das eine Tor, das erst bei der allerletzten Chance in der Nachspielzeit fallen wollte. Vorher hatten Miroslav Klose & Co selbst die größten Torchancen ausgelassen - bis ausgerechnet die eingewechselten Neuville und David Odonkor mit ihrer Co-Produktion für das umjubelte Happy End sorgten. «Gott sei Dank habe ich das Tor noch gemacht», sagte Neuville, der aber trotzdem keine Ansprüche auf einen Stammplatz anmeldete. «Ich habe immer noch daran geglaubt, auch nach den zwei Lattentreffern», sagte Klinsmann: «Das hat gezeigt, dass man mit uns rechnen muss.» |
Einen «Riesenschub», so Kapitän Michael Ballack, soll der Sieg des Willens dem jungen Team geben. Mit dem Rückkehrer kam mehr Stabilität ins Spiel, gerade defensiv, wo Arne Friedrich umstritten bleibt. Den Fans war das ebenso egal wie die fehlende WM-Form von Lukas Podolski - sie sangen nur noch vom Finale: «Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin!» Klinsmanns Zielvorgabe WM-Titel wird zumindest von den Anhängern nicht mehr als Utopie betrachtet. Und Klinsmann ermunterte sie, ihre Hoffnungen auszuleben: «Wir spielen das Turnier im eigenen Land und glauben, dass wir mit jedem mithalten können.» Auch die Spieler wollen noch öfter das Bad in der Menge genießen. «Es war ein sensationelles Spiel, ein unglaubliches emotionales Erlebnis», sagte Lokalmatador Christoph Metzelder, der sich immer mehr zum Abwehrchef aufschwingt und wie seine Defensiv-Kollegen mit dem «zu Null» die Nörgler einstweilen verstummen ließ. «Die Kritik an der Abwehr wurde widerlegt», stellte Lehmann genüsslich fest, erklärte aber auch: «Perfekt war das Abwehrverhalten noch nicht.» Nach dem Geburtstagsständchen für den nun 37-jährigen Oliver Kahn auf dem nächtlichen Rückflug nach Berlin mussten nur die Ersatzspieler gleich wieder trainieren. Nach der Übungseinheit will der Bundestrainer seinem Kader sogar erstmals über Nacht freigeben - erst am Samstagnachmittag müssen Ballack und Kollegen wieder im «Schlosshotel» sein. «Die Spieler brauchen auch mal Freilauf», erläuterte Klinsmann. Auch wenn die Stimmung in Dortmund mindestens so großartig war wie zuletzt beim EM-Titelgewinn 1996 in England, dürfe man nun nicht die Relationen verlieren, warnte Bierhoff: «Ein Endspiel zu gewinnen, ist schon etwas anderes. Wir müssen aufpassen: Trotz der Begeisterung ist noch nichts erreicht. Wir müssen schnell wieder einen kühlen Kopf haben.» Dazu habe man die Spieler «in der Kabine in Eiswasser getaucht», sagte der Manager: «Da kühlen sie ab.» Doch das scheint gar nicht nötig, denn Warnrufe kamen auch von den Spielern selbst. «Gegen Polen war es okay, gegen stärkere Gegner müssen wir uns steigern», meinte Lehmann. Und auch wenn Bierhoff am Donnerstag die stimmungsvollen Fans zum ersten großen WM-Gewinner ernannte, darf sich Klinsmann ebenfalls fürs erste als Sieger fühlen. Sein Hurra-Stil begeistert das Land, die Diskussionen um die Nominierung von Flügelflitzer Odonkor und Joker Neuville haben sich ebenso erledigt wie die um die US-Fitnesstrainer. «Man sieht die Philosophie von Jürgen Klinsmann», stellte Bierhoff zufrieden fest. Ein Balance-Akt bleibt das Turnier trotzdem, das weiß auch Klinsmann: «Alle Spiele bei einer WM sind auf des Messers Schneide.»
 |