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Notizen von der Fußball-WM

15.06.2006, 15:31 Uhr

Oliver Neuville wird nach seinem Treffer gegen Polen von Per Mertesacker umarmt.
Oliver Neuville wird nach seinem Treffer gegen Polen von Per Mertesacker umarmt.

NUMMER 10: Oliver Neuville fügt sich in die ungewohnte Rückennummer. Statt wie erhofft mit der 7 oder der 9 auf dem Trikot, läuft der Mönchengladbacher erfolgreich mit der 10 des Spielmachers herum.

«Normalerweise hätte Ballack die 10, aber der hat ja die 13», erklärte der Stürmer, für den die Spielmacher-Zahl aber ein gutes Omen hat: «In der Schweiz bin ich mit der Nummer Meister geworden.»

ELCHHAUPTSTADT: Eine kleine Elchinvasion hat Berlin zum WM-Spiel der Schweden gegen Paraguay erlebt. Zahlreiche der 30 000 in die Hauptstadt geströmten Skandinavier hatten sich Masken aus Fell samt Geweih über den Kopf gestülpt und zeigten den Berlinern mal, wo der Elch hängt. Den bei Deutschen besonders verbreiteten und beliebten Schweden-Klischees entsprachen auf ganz andere Art auch viele weibliche Fans in Blaugelb. Die ganz überwiegend blonden Skandinavierinnen in superkurzen Miniröcken standen den breitmäuligen männlichen «Elchen» auf zwei Beinen an Ausgelassenheit und Begeisterung in nichts nach. Heja Sverige!

IN LETZTER MINUTE: Buchstäblich in letzter Minute hat ein Seniorennotdienst den Fußballabend einer Nürnberger Rentnerin gerettet. Wie der Malteser Hilfsdienst mitteilte, hatte die 78-Jährige kurz vor Beginn des Spiels Deutschland - Polen verzweifelt in der Notdienstzentrale angerufen und um Hilfe gebeten: Wegen Stromausfalls in ihrer Wohnung sei der Bildschirm schwarz und sie müsse doch unbedingt das WM-Spiel sehen. Nachdem ein Mitarbeiter eine Sicherung ausgewechselt hatte, meinte die Gerettete überglücklich: «Jetzt kann Deutschland gewinnen.»  Und so kam es dann ja auch. In letzter Minute.

OHNE HAPPYEND: Wegen einer Autopanne ist der WM-Traum eines 38-Jährigen aus Elmshorn bei Hamburg geplatzt. Ilmi Saliov hatte Karten für das erste Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen, aber auf der Fahrt nach München blieb sein Auto liegen. Stunden vergingen, bis er einen Mietwagen organisiert hatte. Saliov und sein 14-jähriger Sohn Kevin entschieden sich umzukehren. «Mein Sohn und ich sind beide wirklich große Fußballfans, es war sehr traurig», sagte Saliov. Nun hofft er auf neue Karten vom Gewinnspielanbieter. Kenner des Fußballfilms «Das Wunder von Bern» erinnern sich, dass Vater und Sohn es hier nach der Autopanne doch noch gerade so eben zum WM-Finale 1954 schafften.


WETTEN, DASS..?: Kambodschas Ministerpräsident Hun Sen hat die Bürger des armen südostasiatischen Landes dringend ermahnt, ihr weniges Geld nicht wegen der Fußball-WM zu verwetten: «Wettet um die Ehre und guckt die Spiele. Aber verkauft nicht eure Kühe, Motorräder, Autos, Häuser oder Land wegen des Fußballs.» Der Umsatz der allein zugelassenen staatlichen Wettagentur ist seit Beginn des Weltturniers in Deutschland steil in die Höhe gestiegen. Patriarch Preah Pothiveang Non Ngeth hat die zeitweilige Aufhebung des sonst geltenden TV-Verbotes für alle Mönche während der WM mit einer ausdrücklichen Bekräftigung des Wettverbotes verbunden.

SCHMERZENSGELD: Mit einem ungewöhnlichen Rabatt will die ukrainische Handelskette Eldorado den Schmerz ihrer Kunden nach der 0:4-Pleite gegen Spanien lindern. Für jeden Gegentreffer, den Schewtschenko und Co. kassieren, gibt es einen Preisnachlass von umgerechnet jeweils 3,32 Euro. Dies sind derzeit also 13,28 Euro pro Einkauf. Wie der ukrainische Fernsehsender Kanal 5 berichtete, gilt der Nachlass zunächst bis zur Partie am kommenden Montag gegen Saudi-Arabien. Bei einer weiteren Niederlage soll die Aktion bis zur letzten Vorrundenpartie gegen Tunesien am 23. Juni verlängert werden.

GRUNDAUSBILDUNG: Er ist der «Speedy Gonzales» des deutschen Teams, weil er einfach unglaublich schnell ist. «Es gibt aber auch schnelle Abwehrspieler in der Bundesliga», gestand Odonkor ein. «Philipp Lahm oder Bixente Lizarazu.» Ob er eine Grundausbildung als Leichtathlet gehabt habe, wurde er gefragt. Nun ja, er sei im Sportunterricht in der Schule 50 oder 100 Meter gelaufen, entgegnete Odonkor, aber von klein auf habe er Fußball gespielt. «Ich bin froh, dass ich Fußballer geworden bin und nicht Leichtathlet.»

ENERGIESCHUB: Ersatzspieler und Reservisten wurden beim Training wieder richtig rangenommen. Wie wichtig es ist, die richtigen Charaktere im zweiten Glied zu haben, darauf verwies Abwehrchef Christoph Metzelder. «Klar muss man die 23 besten Spieler zu einer WM mitnehmen. Aber es geht auch darum, Leute hintendran zu haben, die sich voll einbringen, die der Mannschaft Energie geben», sagte der Dortmunder. Als beispielhaft bezeichnete er den Jubel nach dem Siegtor von Oliver Neuville gegen Polen. «Wer die Szenen gesehen hat, die sich vor der Bank abspielten - das war sinnbildlich.»

WIDERLEGT: «Ein Spiel dauert 90 Minuten.» Die alte Weisheit von Weltmeister-Trainer Sepp Herberger zählt bei dieser WM nicht. Oliver Neuville sorgte bereits für den dritten Treffer in der Nachspielzeit. «Man muss den Spielern eintrichtern, dass ein Spiel 90 Minuten dauert und noch mehr dauert», mühte sich auch Teammanager Oliver Bierhoff, die alte Herberger-Weisheit zu widerlegen.

BLONDINENJAGD: Englands Superstar David Beckham hat angeblich zusätzlichen Personenschutz bekommen, weil er massiv von blonden Reporterinnen angegangen wird. Londoner Medien berichteten, dass eine Norwegerin, eine Dänin und eine Belgierin mit Hilfe ihrer Presse-Karten, aber eben auch als attraktive junge Damen Beckham erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht und vom Fußball abgelenkt hätten. Die 24-jährige Norwegerin Ida-Marie Vatn vom Sender TV2 brachte es auf drei Kurz-Interviews innerhalb einer Woche. Für eine belgische Kollegin, die es es nur auf Autogramme abgesehen haben soll und dafür mit tiefem Ausschnitt angetreten war, hat sie nur Verachtung übrig: «Würde ich nie machen so was.»

RADIO-NOTRUF: Vergesslichkeit hat die Nationalmannschaft Ecuadors vor dem WM-Gruppenspiel gegen Costa Rica in akute Not gebracht. Die Südamerikaner hatten im Hotel in Hamburg ihren Ghettob- Baster vergessen, unter dessen Salsa-Klängen sie sich stets auf das Spiel in der Kabine einstimmen. Solche Schwierigkeiten oder Extra- Wünsche behebt das Organisationskomitee sofort. «Das ist kein Problem, wir besorgen eben schnell vom Hamburger SV einen neuen Getto-Blaster», versprach Markus Jürgensen vom regionalen FIFA-WM- Komitee. Gesagt getan, es konnte Salsa gehört werden.

VERLUST: Die jüngste Meldung aus der medizinischen Abteilung konnte Tschechiens Nationaltrainer Karel Brückner ausnahmsweise verschmerzen. Da Tomas Galasek über heftige Zahnschmerzen klagte, musste dem künftigen Mittelfeldspieler des Bundesligisten 1. FC Nürnberg in Limburg ein Zahn im Oberkiefer gezogen werden. Anders als die verletzten Angreifer Jan Koller und Milan Baros nahm Galasek am Donnerstag aber wieder am Training teil.

ALTE TUGENDEN: Der Kommentator des mexikanischen Sportblattes «Record» zeigte sich nach dem Spiel Deutschlands gegen Polen in Dortmund beeindruckt von den traditionellen Tugenden der Deutschen: «Und da ist ein Deutschland, das mir jetzt sehr gut gefällt, weil es kämpft, nicht stehen bleibt, das Spielfeld öffnet, mit drei oder vier Mann nach vorne geht. ... Und was soll man sagen über seine traditionelle physische Kraft? Einfach beeindruckend. Dass sie nur mit 1:0 gewannen, war das Werk des exzellenten polnischen Torhüters Artur Boruc und einer am Ende erschöpften polnischen Verteidigung.»

INVASION DER GRÜNEN MÄNNCHEN: Mehrere hundert Medienvertreter verfolgen regelmäßig die Trainingseinheiten von Weltmeister Brasilien in Königstein. Gut auszumachen sind darunter die Vertreter von TV Globo, die jede Bewegung von Ronaldinho und Co. in die Heimat übertragen: Alle 160 Akkreditierte tragen Hemden in einem Grün, für das es keine Worte gibt - ein Ton irgendwo zwischen lind und mint.

FLÜCHTIG: Bei der Einlasskontrolle in Berlin ist ein Mann mit einer gefälschten WM-Akkreditierung erwischt worden. Wie das deutsche Organisationskomitee (OK) in Berlin bekannt gab, habe sich der Unbekannte als Fernsehjournalist ausgegeben. «Der Täter ist auf der Flucht», erklärte OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach. Insgesamt wurden rund 200 000 Akkreditierungen genehmigt. Es ist bereits der zweite Fälschungs-Fall im Bereich der WM-Pässe.

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