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1:0 gegen Polen - Deutscher Gruppensieg in Sicht

Berlin/Dortmund (dpa) - 15.06.2006, 14:41 Uhr

Oliver Neuville (l) jubelt über sein Tor zum 1:0. Hinter ihm Polens Keeper Boruc.
Oliver Neuville (l) jubelt über sein Tor zum 1:0. Hinter ihm Polens Keeper Boruc.

Schon nach dem zweiten WM-Sieg ist Deutschland im Ausnahmezustand - doch die traumhafte Fußball-Nacht gegen Polen soll erst das Vorspiel für weitere Höhepunkte gewesen sein.

Nach dem Last-Minute-Treffer von Edel-Joker Oliver Neuville, der die Festung Westfalenstadion in ein Tollhaus verwandelte und Millionen deutsche Fans auf den Party-Meilen sowie am heimischen Fernseher in eine überbordende Begeisterung versetzte, kam es noch in den Stadion-Katakomben zum Schwur von Dortmund. «Hierhin will das Team zurück», verriet Torhüter Jens Lehmann, als er aus der Kabine kam - und sprach damit bereits offen vom Halbfinale am 4. Juli.

Das hochverdiente 1:0 gegen Polen hat Mut gemacht und war auch nach Ansicht von Jürgen Klinsmann viel mehr wert als nur drei Punkte auf dem Weg ins Achtelfinale. «Das ist eine ganz wichtige mentale Erfahrung», betonte der Bundestrainer die psychologische Bedeutung des Erfolges. Fit wie die Weltmeister erzwangen die von einem Wahnsinns-Publikum nach vorne gepeitschten «Klinsmänner» nach der Gelb-Roten Karte von Radoslaw Sobolewski (75.) mit einer lange nicht mehr erlebten Willensstärke das eine Tor, das erst bei der allerletzten Chance in der Nachspielzeit fallen wollte.

Vorher hatten Miroslav Klose & Co selbst die größten Torchancen ausgelassen - bis ausgerechnet die eingewechselten Neuville und David Odonkor mit ihrer Co-Produktion für das umjubelte Happy End sorgten. «Gott sei Dank habe ich das Tor noch gemacht», sagte Neuville, der aber trotzdem keine Ansprüche auf einen Stammplatz anmeldete. «Ich habe immer noch daran geglaubt, auch nach den zwei Lattentreffern», sagte Klinsmann: «Das hat gezeigt, dass man mit uns rechnen muss.»

Einen «Riesenschub», so Kapitän Michael Ballack, soll der Sieg des Willens dem jungen Team geben. Mit dem Rückkehrer kam mehr Stabilität ins Spiel, gerade defensiv, wo Arne Friedrich umstritten bleibt. Den Fans war das ebenso egal wie die fehlende WM-Form von Lukas Podolski - sie sangen nur noch vom Finale: «Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin!» Klinsmanns Zielvorgabe WM-Titel wird zumindest von den Anhängern nicht mehr als Utopie betrachtet. Und Klinsmann ermunterte sie, ihre Hoffnungen auszuleben: «Wir spielen das Turnier im eigenen Land und glauben, dass wir mit jedem mithalten können.»


Auch die Spieler wollen noch öfter das Bad in der Menge genießen. «Es war ein sensationelles Spiel, ein unglaubliches emotionales Erlebnis», bekannte Lokalmatador Christoph Metzelder, der sich immer mehr zum Abwehrchef aufschwingt und wie seine Defensiv-Kollegen mit dem «zu Null» die Nörgler einstweilen verstummen ließ. «Die Kritik an der Abwehr wurde widerlegt», stellte Lehmann genüsslich fest, erklärte aber auch: «Perfekt war das Abwehrverhalten noch nicht.»

Nach dem Geburtstagsständchen für den nun 37 Jahre alten Oliver Kahn auf dem nächtlichen Rückflug nach Berlin beugte Klinsmann einem Spannungsabfall ebenfalls sofort wieder vor. Statt frei für alle, setzte der Bundestrainer Training an. Statt Lockerlassen ist Nachlegen angesagt. Und auch wenn die Stimmung in Dortmund mindestens so ausgelassen war wie zuletzt beim EM-Triumph 1996 in England, dürfe man intern nicht die Relationen verlieren, warnte Team-Manager Oliver Bierhoff. «Ein Endspiel zu gewinnen, ist schon etwas anderes. Wir müssen aufpassen: Trotz der Begeisterung ist noch nichts erreicht. Wir müssen schnell wieder einen kühlen Kopf haben.» Dazu habe man die Spieler gleich «in der Kabine in Eiswasser getaucht», berichtete Bierhoff grinsend: «Da kühlen sie ab.»

Doch das scheint gar nicht nötig, denn Warnrufe kamen auch aus dem Spielerkreis selbst. «Gegen Polen war es okay, gegen stärkere Gegner müssen wir uns steigern», sagte Lehmann. Der Blick geht nach vorne, und das mit Zuversicht. «Man muss vor keinem Gegner in Ehrfurcht erstarren», meinte Bierhoff - trotzdem soll ein Duell mit England schon im Achtelfinale möglichst vermieden werden. «Mit Schweden oder Paraguay könnte ich besser leben», sagte der Manager.

Darum wird nun mit aller Macht der Gruppensieg angepeilt. Ein «B- Team» wird Klinsmann am Dienstag im letzten Vorrundenspiel gegen Ecuador nicht aufs Feld schicken. «Für die Ziele, die wir haben, ist es wichtig, die Spannung hoch zu halten. Man darf es sich in einem Turnier nicht erlauben, einige Gänge runterzuschalten», betonte Metzelder. Platz eins sei wichtig, weil man dann weiter in den großen Arenen spiele, erläuterte Lehmann: «Achtelfinale in München, Viertelfinale in Berlin und schließlich wieder Dortmund.»

Auch wenn Bierhoff die Fans zum ersten großen WM-Gewinner ernannte («Das Bild, das aus Deutschland in die Welt gesendet wird, ist super»), darf sich auch Klinsmann fürs erste als Sieger fühlen. Sein Hurra-Stil begeistert das Land, die Diskussionen um die Nominierung von Flügelflitzer Odonkor und Joker Neuville haben sich ebenso erledigt wie die um die US-Fitnesstrainer. «Man sieht die Philosophie von Jürgen Klinsmann», stellte Bierhoff zufrieden fest. Ein Balance-Akt bleibt das Turnier trotzdem, das weiß auch Klinsmann: «Alle Spiele bei einer WM sind auf des Messers Schneide.»

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