Die Autos hupen fast nie. Zum Schlafen legen die Leute sich nicht unter Wolldecken, sondern bedecken sich mit «Säcken voller Federn», wie ein Argentinier erstaunt feststellte.
«Auf den Wiesen ist jeder Grashalm akkurat geschnitten, alles ist in bester Ordnung», berichtete ein Reporter des kroatischen Boulevardblattes «24 sata» seinen Lesern. Die Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft entdecken Deutschland als ein Land voller Merkwürdigkeiten.
Der Iraner Mohsen Motamedkia wunderte sich darüber, dass die deutsche Polizei nicht mit sich reden lässt. «Wir sind es gewohnt, mit den Beamten zu verhandeln, bis wir unser Ziel erreicht haben. Bei den deutschen Polizisten ist ein Nein definitiv ein Nein. Sie lassen sich nicht einmal zu einem Vielleicht überreden.» Der Reporter, der für die Nachrichtenagentur ISNA über die WM berichtet, hat insgesamt jedoch einen guten Eindruck vom Gastgeberland: «Die Luft ist viel sauberer als in Teheran. Hier lernt man, was Sauerstoff und richtiges Atmen bedeuten.»
Argentinische Reporter beobachteten mit schaudernder Bewunderung: «Blonde Recken und wuchtige, helläugige Frauen trinken Bier wie aus Eimern.» Die Korrespondenten, die ihre WM-Reportagen in alle Welt übermitteln, stimmten weitgehend darin überein, dass die Deutschen ihnen einen freundlichen Empfang bereitet haben. Einige hatten in der Anfangsphase allerdings den Eindruck, dass in Deutschland noch kein wirkliches WM-Fieber herrschte. «Vielen Deutschen ist das Schicksal des Braunbären Bruno anscheinend wichtiger als die WM», meinte der tschechische Radioreporter Jiri Hosek.
Dem Portugiesen Jorge Matías von der Zeitung «Público» fiel auf: «Es sind kaum deutsche Fahnen in den Fenstern zu sehen. Die WM ist nach Deutschland gekommen, aber die Deutschen sind noch nicht da. Sie haben die Bühne für das Fest bereitet, aber feiern werden wohl die Anderen.» Die Londoner «Times» hat genau den entgegengesetzten Eindruck - dass es den Deutschen im Grunde nur ums Feiern geht: «Ein Sieg der deutschen Mannschaft wäre schön, aber die Leute haben keine grandiosen Erwartungen. Was jeder will, ist ein schönes Erlebnis - eine Reise, bei der es auf den Weg ankommt und nicht auf das Ziel.»
Die Reporter der internationalen Presse loben ziemlich einhellig die Organisation. «Ich bekam meine Akkreditierung innerhalb von fünf Minuten», freute sich Gabriel Cazenave aus Paraguay. Überhaupt war der Korrespondent von «ABC Colo», der wichtigsten Zeitung seines Landes, von den WM-Gastgebern angenehm überrascht: «Das Vorurteil, dass die Deutsche unterkühlt sind und Gefühle für sich behalten, erwies sich gründlich als falsch. Die Fürsorge und Aufmerksamkeit, die uns zuteil werden, ist überwältigend.»
Die Berichterstatter von «The Star» in Südafrika zeigten sich so beeindruckt, dass sie froh waren, dass die Ausrichtung der WM 2006 den Deutschen und nicht ihrem Land zugesprochen wurde: «Wenn die WM jetzt bei uns stattfände, gäbe es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein riesiges Chaos.» Allerdings gab es auch einige Klagen, zum Beispiel, dass das Bier in Deutschland teurer sei als daheim. Serbische Reporter, die aus dem Quartier ihrer Mannschaft in Billerbeck (Westfalen) berichten, saßen zuweilen auf dem Trocknen, weil in dem Ort viele Lokale am Abend früh schließen.
Ihre französischen Kollegen vom «Journal du Dimanche» bemängelten, dass der Kauf von U-Bahn-Tickets in Hamburg oder Köln ziemlich kompliziert sei und im übrigen alles nur auf Deutsch erklärt werde. Ein wenig aus dem Rahmen fällt der rundum negative Eindruck, den der Italiener Vittorio Zucconi bekommen hat. «München scheint mir bei der WM 2006 noch aufgeblasener und kälter zu sein als Tokio, das mir bei der WM 2002 schon steril vorkam», meinte der WM-Korrespondent der römischen Zeitung «La Repubblica».