Trainer-Neuling Klinsmann holt sich Vertrauen
Berlin (dpa) - 11.06.2006, 15:27 Uhr
Jürgen Klinsmann im Gespräch mit Journalisten in Berlin.
Der erste WM-Sieg als Trainer hat Jürgen Klinsmann spürbar lockerer gemacht. Während der letzten Vorbereitungs-Etappe schien der 41-Jährige noch angespannt und auch von Ungewissheit gezeichnet. Nach dem Auftakt- Erfolg gegen Costa Rica zeigte sich der Bundestrainer wieder etwas offener und auskunftsfreudiger. Während der Partie war der riesige Druck auf den Trainer-Neuling deutlicher denn je geworden: Klinsmann tanzte in seiner Coaching-Zone hin und her, gestikulierte, schwitzte, schrie. «Es ist doch menschlich, wenn ein Trainer mitfiebert, im Spiel mit drin ist», bemerkte er zu seinen Gefühlsausbrüchen. Der Trainer-Neuling holte sich durch das Spiel gegen die Mittelamerikaner, auf das er seit zwei Jahren akribisch hingearbeitet hatte, in der Praxis erstmals Vertrauen, dass sein Masterplan auch in einer Extrem-Situation funktionieren kann. Sein junges Team hatte der Erwartungshaltung Stand gehalten, was für die psychologische Vorbereitung spricht. Es konnte hohes Tempo gehen, was der physischen Betreuung ein gutes Zeugnis ausstellt. Schon im Juli 2004 hatte Klinsmann gesagt: «Wir definieren unseren Stil mit Risiko nach vorn auf der Basis einer guten Fitness. Die Fans wollen lieber ein 5:3 sehen als ein müdes 1:0.» Zum WM-Auftakt sahen die Zuschauer im Stadion, an den TV-Geräten und Großbild-Leinwänden genau das.
Klinsmann verband sein WM-Projekt, das er schon vor seinem Amtsantritt gemeinsam mit seinen amerikanischen Vertrauten Mick Hoban und Warren Mersereau ausgearbeitet hatte, immer mit einem Team von Spezialisten. In den ersten Tagen der WM aber unterstrich er, dass nur er der Chef des Unternehmens ist. «Ich habe die Verantwortung und muss die Entscheidung treffen», sagte Klinsmann, als er Michael Ballack gegen dessen Willen gegen Costa Rica nicht aufstellte. Der Bundestrainer war lange vorbereitet auf solche Entscheidungen, die er schon zuvor in den Fällen Sepp Meier, Erich Rutemöller, Christian Wörns oder Kevin Kuranyi getroffen hatte. «Ich habe mich gefragt, kann ich das?», blickte Klinsmann auf seine Überlegungen vor seiner Vertragsunterschrift beim DFB zurück. Und er habe sich damals die Antwort gegeben: Ja! «Wenn man in der Verantwortung steht, muss man die Kraft haben zu sagen: Ich gehe diesen Weg, und ich weiß warum.» |
Klinsmann weiß um das Risiko seines Kurses und seiner mutigen Philosophie. Doch eine Alternative gibt es für ihn nicht: «Ich komme aus der Angreiferecke», hatte er am Tag seiner Vorstellung als Bundestrainer gesagt. So offensiv wie als Spieler attackiert er auch die Zweifler in den eigenen Reihen und die Skeptiker von «draußen». 17 WM-Partien und genau 1526 Minuten bestritt Klinsmann als Spieler, die ersten 90 Minuten als Trainer waren sicher schwieriger. Klinsmann kämpfte mit, obwohl ihm bewusst ist, dass der Einfluss von draußen «nur minimal» ist. Die Anspannung wich erst, als er in den Katakomben der Münchner WM-Arena endlich seine Familie wieder sah. Sohn Jonathan (9) und Töchterchen Laila (4) hatten ihren Papa im Deutschland-Trikot mit ihren Namen auf dem Rücken überrascht. Ehefrau Debbie-Chin beglückwünschte ihren Jürgen für das gelungene WM-Debüt als Trainer. «Ich sauge das auf», sagt Klinsmann in solchen Situationen. Er wird die Kraft in den kommenden Wochen noch brauchen.
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