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Notizen von der Fußball-WM

11.06.2006, 16:23 Uhr

Kasey Keller blickt in Hamburg zusammen mit Fans in die Kameras der Fotografen.
Kasey Keller blickt in Hamburg zusammen mit Fans in die Kameras der Fotografen.

BESCHEIDENHEIT IST EINE ZIER: US-Nationalkeeper Kasey Keller ist von seinen Deutschkenntnissen wenig überzeugt. «Wenn ich deutsch spreche, klinge ich wie ein Idiot», sagte der 36-Jährige in Hamburg. Eine Kostprobe wollte der Torhüter von Borussia Mönchengladbach aber nicht geben.

Er erwecke gerne den Eindruck, intelligent zu sein, sagte Keller. Das gelang ihm eindrucksvoll im Gespräch mit südamerikanischen Journalisten: Deren Fragen beantwortete er locker auf spanisch.

ERSTGEBURT: Mit dem Tag der Eröffnung hat die WM auch ihr erstes Baby bekommen. Ruslan Rotan (24) vom Team der Ukraine wurde Vater eines Töchterchens. Seine Freundin Marina und das Neugeborene sind wohlauf. Für den Mittelfeldspieler gab es beim öffentlichen Training in Potsdam einen Blumenstrauß und beste Grüße an die Mutter in Kiew.

NAHTLOS: Vor vier Jahren hatte Hernan Crespo das letzte WM-Tor der Argentiner beim enttäuschend verlaufenen Turnier in Japan und Südkorea erzielt: In der 88. Minute beim 1:1 gegen Schweden. 26 Turnier-Minuten später sorgte der 30-Jährige mit seinem 30. Länderspieltor auch für den ersten Treffer der Argentinier bei der WM in Deutschland. «Das haben schließlich alle von mir erwartet», sagte Crespo trocken. «Das Spiel Argentiniens ist darauf ausgelegt, dass ich genau das tue.»

FAMILIENTROST: Lewis Asamoah ist traurig. Der jüngere Bruder des deutschen Nationalspielers Gerald Asamoah hat keine Karten für das WM-Spiel von Ghana gegen Italien am Montag in Hannover ergattert. Der 22-jährige Oberliga-Kicker von Arminia Hannover wurde zwar nicht wie sein bekannter Bruder in Ghana geboren, hätte aber gerne die Mannschaft aus dem Land, aus dem seine Eltern stammen, im Stadion unterstützt. «Das hat leider nicht geklappt. Unsere Familie wird sich die Partie im Fernsehen anschauen. Dafür habe ich aber von Gerald Tickets Karten für alle Spiele der deutschen Mannschaft bekommen», sagte Lewis Asamoah.


GLÄUBIG: Spaniens Trainer Luis Aragonés ist ein gläubiger sowie praktisch denkender Mensch. Bei der Weltmeisterschaft vertraut der 67-Jährige auf himmlische Unterstützung «mit Sicherheitsventil». «Manchmal spreche ich mit Gott, aber hin und wieder werde ich auch unseren Ministerpräsidenten anrufen», sagt der Coach. Der Grund: José Luis Rodríguez Zapatero hatte Aragonés versichert, er sei ein Glücksbringer. Als Beweis führte er an, dass sein Lieblingsverein FC Barcelona das Finale der Champions League gegen den FC Arsenal gewonnen habe. Damals saß der sozialistische Regierungschef in Paris im Stadion.

SCHIEBUNG: Ein kroatischer TV-Schauspieler will auf eigenwillige Weise seine National-Mannschaft vor dem WM-Spiel gegen Brasilien in Berlin motivieren. Der populäre Mario Mlinaric und sein Freund kündigten an, dass sie ihr Auto vom bayerischen Bad Brückenau 450 Kilometer bis zur heimischen Hauptstadt Zagreb schieben und damit einen neuen Guinness-Rekord aufstellen würden, meldete die Zagreber Zeitung «24 sata» am Sonntag. Mlinaric hat schon zwei merkwürdige Rekorde aufgestellt: 140 Liegestützen in einer Minute und eine Stunde «Rückwärts Moonwalking», im Stil des Sängers Michael Jackson.

PANTINEN PUTZEN: Von wegen deutsch-niederländische Fußballfeindschaft. Als ein einsamer niederländischer Fußballfan in Düsseldorf vor einer Großbildleinwand in einen Junggesellenabschied rheinischer Fußballfreunde geriet, kam es zu einer speziellen Form der Verbrüderung: Der künftige Ehemann, der Passanten die Schuhe putzen musste, ließ sich nicht lange bitten und wienerte auch den in Nationaltrikot gekleideten und in Nationalfarben geschminkten «Oranje»-Fan die Holzpantinen blank.

FLACHPASS: Kurz vor dem Auftaktspiel der italienischen Nationalelf gegen Ghana hat in Rom der Verkauf von Fernsehern kräftig angezogen. Besonders beliebt seien Flüssigkristall-Bildschirme, die mit einer Größe von mindestens 32 Zoll im Eigenheim Stadionatmosphäre schaffen sollen, berichtete die Zeitung «La Repubblica» am Sonntag. «Es scheint fast so, als hätten die Kunden auf den Beginn der WM in Deutschland gewartet, um ihren alten Fernseher los zu werden», sagte ein Verkäufer. Im Vergleich zu den vergangenen Monaten seien im Juni bis zu 20 Prozent mehr TV-Geräte über die Ladentheken gegangen.

LACHNUMMER: Der französische Politologe Alfred Grosser sieht in der WM 2006 für die Deutschen einen Grund, endlich wieder guter Dinge zu sein. «Das ist ein Grund zur Freude, in einem Land, das nie lacht», sagte der deutsch-französische Publizist in einem Interview der französischen Tageszeitung «Le Monde» vom Sonntag. Dennoch wünscht sich der 81-jährige, dass Deutschland, aber auch Frankreich verlieren: «So kämen wir nicht in Versuchung, uns zu überschätzen». Es gebe aber intern ein paar Unterschiede: «Die Deutschen haben die Tendenz, sich ständig zu beschweren. Sie schauen auf Frankreich und beneiden uns.»

AUSGEDEUTSCHT: Das westfälische Billerbeck, WM-Mannschaftsquartier von Serbien-Montenegro, liegt nicht für jedermann in Deutschland. So schrieb das Belgrader Boulevardblatt «Press» unter dem Titel «Billerbeck ist eine serbische, serbische Stadt»: «Sie wirkt nicht wie ist eine typische deutsche Kleinstadt, sondern erinnert eher an unsere Region Sumadija.» Der Reporter der auflagenstärksten Belgrader Zeitung «Vecernje novosti» bemängelte allerdings, dass es schwer sei, in Billerbeck einen Kaffee oder ein Bier zu bekommen. »Die Wirtsfrau sagte, dass am Dienstag abends alles zu ist und dass wir bis Freitag auf unser Bier warten müssen».

RADELN: 12 000 km bis zur WM in Deutschland will der Iraner Seyed Vahid Rayhani radeln. Am Wochenende brach der Angestellte der staatlichen Postbank zur seiner Tour durch 17 Länder auf. Er wolle als Botschafter für «Frieden und Freundschaft» ins Gastgeberland der WM radeln, berichtete er der nationalen Nachrichtenagentur ISNA. Ob er es bis zum Finale am 9. Juli schaffen und dabei vielleicht auch seine heimische Mannschaft in Berlin erleben will, wurde nicht mitgeteilt.

WETTCHEN: An den Wettbörsen der Ukraine wird der Achtelfinaleinzug der «Sbirna» bei der Fußball-Weltmeisterschaft als selbstverständlich eingestuft. Große Gewinne sind deshalb nicht zu erwarten. 3 Griwna, die Nachfolgewährung des Rubel, erhält der Ukrainer beim Einsatz von 1 Griwna, falls das Team Gruppensieger wird. Kämen ihre Lieblinge auf Platz zwei würden den ukrainischen Zockern nur noch 1,35:1 ausgezahlt. Den Titel traut dem Team des WM-Debütanten aber kaum jemand zu. Klarer Favorit ist auch in Kiew Brasilien (3:1) vor Deutschland (7:1) und England (8:1). Sollte das ukrainische Team Weltmeister werden, würden Gewinne im Verhältnis 60:1 ausgezahlt.

BAMBI: Mit dem ersten Treffer der niederländischen WM-Kicker hat auch ein Rehkitz in Hinterzarten seinen Namen erhalten. Das Bambi wurde nach dem Schützen des Auftakttores getauft, dem treffsicheren Niederländer Arjen Robben vom englischen Meister FC Chelsea. Geboren worden war das Kitz im Wildgehege des Parkhotels «Adler», des WM-Quartiers der Niederländer, am Tag nach deren Ankunft. Die Hotelleitung hatte daraufhin beschlossen, dem Tier den Namen des ersten WM-Torschützen der Gäste zu geben.

RUHE BITTE: Im Schweizer WM-Quartier-Ort Bad Bertrich gibt es Ärger wegen der Einhaltung der Sperrstunde. Auf Druck des Hotels, in dem die Eidgenossen logieren, musste die Polizei in den Nächten zum Samstag und Sonntag jeweils um 01.00 Uhr die Schließung der Restaurants, Bars und Pubs in der nebenan eingerichteten Party- Meile durchsetzen. Weil es im ganzen Ort friedlich und gesittet zuging, stieß dies bei den Bewohnern und Gästen auf Unmut. Nun sind intensive Gespräche «auf höchster Ebene» geplant.

RÜSTIG: Der 90-jährige Jim Scane will sich beim Weltmeisterschaftsspiel zwischen seinen Australiern und Japan am Montag in Kaiserslautern einen Traum erfüllen. Der betagte Rentner und begeisterte Fan der «Socceroos» ist extra aus «Down Under» eingeflogen, um endlich das erste WM-Tor seiner Lieblinge live sehen zu können. Bei der WM 1974 war der gebürtige Engländer und frühere Torhüter von den Tottenham Hotspurs für die Australier als Maskottchen dabei.

WUNDERBAHN: Auf den Spuren von Fritz Walter und Co. wandelten 145 Fußballfans aus Angolas WM-Quartierstadt Celle. Sie reisten im historischen Weltmeisterzug von 1954 zum ersten WM-Spiel der Afrikaner gegen Portugal nach Köln. In dem Zug, in dem das deutsche Weltmeisterteam vor 52 Jahren in einer Triumphfahrt aus der Schweiz zurückkehrte, feierten die Bahn- und Fußball-Fans schon vor der Ankunft in Köln mit einer Polonaise und Sprechchören «Mit Angola fahren wir zur WM» ausgelassen das Team des WM-Neulings.

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