Klinsmann setzt «Lokomotive» Ballack unter Dampf
Berlin (dpa) - 11.06.2006, 15:13 Uhr
Die deutschen Spieler bei einer Autogrammstunde in Berlin.
Jürgen Klinsmann belohnte die Sieger von München mit einem freien Tag - nur Michael Ballack musste für seine Rückkehr ins Team schuften. Trotz der Sonderschicht für den Kapitän suchte der Bundestrainer nach den Dissonanzen beim umjubelten 4:2-Erfolg gegen Costa Rica demonstrativ den Schulterschluss mit seinem wichtigsten Spieler. Schon drei Tage vor dem Polen-Spiel gab er seinem Mittelfeldstar eine Einsatzgarantie - sofern er bei der Fitness weiterhin «optimale» Fortschritte erzielt. «Wir freuen uns, dass Michael am Mittwoch seinen Einstieg ins Turnier bekommt.» Erstmals durften sogar die Frauen ins «Schlosshotel» im Grunewald, trotzdem flimmerten weiterhin die Bilder der anderen WM- Spiele über die Fernseher. «Die Spieler brauchen Freilauf und Regeneration. Aber man lebt dieses Turnier, jeder hat schon das Polen-Spiel im Hinterkopf», bemerkte Klinsmann, der seine Liebsten schon nach dem Eröffnungsspiel in München kurz in den Stadion-Katakomben wiedergesehen hatte. Die Hochrechnungen im Team laufen bereits auf eine vorzeitige Qualifikation für das Achtelfinale hinaus, nachdem der vermeintlich stärkste Gruppengegner einen 0:2-Fehlstart gegen Ecuador hinlegte. «Unser Ziel gegen Polen ist ein Sieg, dann sind wir so gut wie durch», meinte Philipp Lahm.
Begeistert und beeindruckt zeigten sich Spieler und Verantwortliche von der Euphorie-Welle, die schon nach dem ersten Sieg durch Deutschland schwappt. Klinsmann stellte den Dank an die Fans, «die in allen Städten Party machen», ganz bewusst an den Beginn seiner Pressekonferenz am Sonntag: «Das sind fantastische Bilder, die auch die Mannschaft registriert. Kompliment an die Fans.» Von der Woge der Begeisterung will sich die junge Mannschaft von Spiel zu Spiel treiben lassen, wie der Dortmunder Christoph Metzelder am Sonntag betonte. «Wenn wir das Turnier so erfolgreich wie möglich gestalten wollen, brauchen wir eine gute Vorbereitung, guten Teamgeist, viel Glück und ein großes Maß an Patriotismus.» |
Trotz Euphorie und Freizeit hält Klinsmann die Zügel allerdings fester denn je in der Hand: Das bekommt selbst der Kapitän zu spüren. Nach dem Machtwort vor dem Eröffnungsspiel, als Klinsmann die öffentliche Gesundmeldung von Ballack ignoriert hatte, bemühte sich der Bundestrainer aber um ein Ende der Misstöne, in dem er die Bedeutung seines Stars öffentlich hervorhob. «Er ist unser Kapitän, er ist unsere Lokomotive. Dass man einem Kapitän sagen muss, es klappt noch nicht bei einem Eröffnungsspiel, tut einem selbst weh. Dennoch muss man es tun. Die Trainer müssen entscheiden.» Ballack fügte sich am Wochenende der Marschroute seines Chefs - wenn auch nach wie vor etwas angefressen: «Ich wollte spielen, und er hat das nicht ganz so gesehen. Dann bin ich natürlich im ersten Moment enttäuscht, aber ich muss das akzeptieren.» Mit Radfahren und Lauftraining unter ständiger Beobachtung von Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat sich der Kapitän wieder ans Mannschaftstraining herangetastet, in das er nun zurückkehren soll. «Doc Müller-Wohlfahrt beobachtet jede Sekunde. Sein Signal ist positiv», berichtete Klinsmann. Auch wenn der «Brocken Costa Rica» (Klinsmann) mit den Traumtoren von Philipp Lahm und Torsten Frings sowie dem Doppelpack von Miroslav Klose auch ohne Ballack aus dem Weg geräumt werden konnte und die Fans das 4:2 überschwänglich feierten, warnte Ex-Kapitän Oliver Kahn im «DSF» vor fatalen Fehleinschätzungen: «Es ist wichtig, dass der Michael als Kapitän auch immer wieder Dinge anspricht, so dass ein bisschen Reibung innerhalb der Mannschaft entsteht. Das muss er machen, das ist seine Aufgabe. Denn wir können uns ja nicht nur an kollektiver Euphorie erfreuen, sondern müssen schauen, dass wir in diesen Phasen auch kritisch miteinander umgehen.» Die zwei Gegentore von Paulo Wanchope dürfen nicht nur als reine Schönheitsfehler abgetan werden, auch wenn sich die Spieler gegen eine Überbetonung der Abwehrschwächen wehrten. «Ich glaube, wir brauchen uns jetzt nicht dafür zu entschuldigen, dass wir 4:2 gewonnen haben», meinte Torschütze Lahm. Innenverteidiger Metzelder bemerkte, dass der Offensivstil «ein kalkuliertes Risiko» sei. Die Fehler würden aber von den Trainern keineswegs ignoriert, sagte Klinsmann: «Die werden intern auseinander genommen.» Öffentlich jedoch gibt es Zuspruch - selbst für Arne Friedrich. Eine Umstellung hinten rechts wird es (noch) nicht geben. «Wir haben Vertrauen in Arne», betonte Klinsmann, der gegen Polen bis auf die Hereinnahme von Ballack für Tim Borowski keine weiteren Umstellungen plant. Zumal auch die Knöchel-Blessur von Torhüter Jens Lehmann kein echtes Problem darstellt. «Die Mannschaft wird sich steigern und wachsen im Turnier», glaubt Klinsmann, der vorsorglich die Reservisten schon mal tröstete. «Die Spieler im zweiten Glied verhalten sich super.»
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