Eine Last ist weg - Spezialprogramm für Ballack
Berlin (dpa) - 10.06.2006, 16:15 Uhr
Mike Hanke (v. l), Jens Nowotny und Marcell Jansen sprinten beim Training.
Nach einer kurzen Nacht und ein paar kleinen Sieger-Bierchen hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann bereits den Countdown für das zweite WM-Gruppenspiel gegen Polen eingeleitet - und dabei Michael Ballack ein Spezialprogramm verordnet. Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der wegen einer Wadenverletzung und Trainingsrückstands vom Bundestrainer beim 4:2-Sieg gegen Costa Rica in München nicht eingesetzt worden war, trainierte unter Anleitung der DFB-Ärzte und der US-amerikanischen Fitness-Spezialisten im Mannschafts-Quartier. Erst kurz nach Mitternacht war das Team nach dem 4:2-Auftaktsieg in München gegen Costa Rica wieder in Berlin eingetroffen. Für die Stammspieler stand am Morgen Regeneration auf dem Programm. Zehn Reservisten und Einwechselspieler absolvierten im Amateurstadion von Hertha BSC eine Übungseinheit, die Sebastian Kehl vorzeitig abbrechen musste. Der Dortmunder hatte nach seiner Einwechslung gegen Costa Rica einen Schlag auf den Fuß erhalten. Bei Torwart Jens Lehmann, der umgeknickt war und am Knöchel behandelt werden musste, gab der DFB Entwarnung: Der Einsatz der Nummer 1 gegen Polen sei nicht gefährdet. Am Nachmittag gab Klinsmann den Spielern frei, als einer der Ersten düste Lehmann gemeinsam mit Manager Oliver Bierhoff davon.
Im «Fall» Ballack ließen die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes verlauten: «Nach wie vor wollen wir kein Risiko eingehen.» Der 29 Jahre alte Kapitän, der sich eigentlich schon für Costa Rica einsatzbereit gemeldet hatte, sagte bei der Rückkehr von München nach Berlin: «Wir haben jetzt einige Tage Zeit. Ich werde vielleicht noch ein, zwei Tage dosiert trainieren. Ich werde mich mit dem "Doc" absprechen, denn er hat ja auch ein großes Wort mitgesprochen.» Klinsmann hatte in Absprache mit Teamarzt Hans- Wilhelm Müller-Wohlfahrt vor dem WM-Auftaktspiel die Entscheidung gegen einen Ballack-Einsatz getroffen. «Das hat sicherlich zu Diskussionen geführt», räumte Bierhoff ein. «Aber es gibt keinen Konflikt zwischen den beiden», betonte der Nationalmannschafts-Manager zum Verhältnis von Klinsmann zu seinem wichtigsten Spieler. Ballack hatte sich schon auf der Ersatzbank der Münchner WM-Arena um entspannende Gesten bemüht. Mit den Kollegen und Klinsmann feierte er die spektakulären Treffer und räumte danach ein: «Ich wollte spielen, und er hat das nicht ganz so gesehen. Dann bin ich natürlich im ersten Moment enttäuscht, aber ich muss das akzeptieren. Der Trainer entscheidet - und das ist auch okay.» Ein belastetes Verhältnis zu Klinsmann oder Disharmonien wies der Kapitän ohne weitere Erläuterungen kurz und knapp zurück: «Nein, nein.» |
Zuallererst einmal fühlten sich die deutschen Vorzeige-Spieler von der Last des Auftakts befreit und freuten sich über den Ausnahmezustand, den sie mit dem torreichsten WM-Eröffnungsspiel im Land bereits ausgelöst haben. Für eine eigene rauschende Feier aber fühlten sich die Spieler einfach zu müde: «Wir haben noch ein kleines Bierchen getrunken», verriet Torsten Frings, der neben dem Doppel- Torschützen Miroslav Klose und Philipp Lahm am munteren deutschen Torreigen beteiligt war. «Die ganze Welt hat auf uns geschaut», verwies Bernd Schneider nochmals auf den «enormen Druck», der gerade auf den jungen Spielern gelastet habe. Laut Assistenztrainer Löw habe das Team nicht nur diesem Druck stand gehalten, sondern in dieser Ausnahme-Situation sogar einen Qualitätssprung gezeigt: «Wir haben Fußball auch begonnen zu denken, nicht nur intuitiv zu spielen.» Keiner der Akteure hatte am Tag nach dem ersten großen deutschen Fußballfest, zu dem im ganzen Land über eine Million Menschen an Großbildschirme und auf die Fan-Meilen geströmt waren, Lust auf neue Debatten um die auch gegen Costa Rica unübersehbaren Abwehrprobleme. «Ich glaube, wir brauchen uns jetzt nicht dafür zu entschuldigen, dass wir 4:2 gewonnen haben», wies Lahm brüskiert die Kritiker zurück und ergänzte: «Dass wir daran arbeiten müssen, ist auch klar.» Aber in den nächsten Tagen werde man erst einmal sehen, ob auch andere favorisierte Mannschaften ihre Auftakt-Aufgaben so problemlos lösen. «Es war sehr unterhaltsam für die Zuschauer. Man kann es immer besser machen, aber 4:2 ist 4:2 - die Zuschauer sind gut unterhalten worden», betonte selbst Torhüter Lehmann trotz des persönlichen Ärgers über die zwei Gegentore von Paulo Wanchope. Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger hob hervor: «Die Mannschaft hat die Fans mit ihrem Einsatz und ihrem Auftreten beschwingt.» Von seinen Freunden habe er erfahren, so Lahm, dass sich die Leute nicht über die zwei Gegentore geärgert, sondern «einfach über die vier geschossenen Tore gefreut haben». Für WM-Projektleiter Klinsmann, der acht Jahre nach seinem WM-Abschied als Spieler nun als Trainer viele Emotionen zeigte, war es einfach ein «außergewöhnliches Auftaktspiel». Vize-Weltmeister Schneider kann sich das 4:2 sogar als ähnliche Initialzündung vorstellen wie das 8:0 zum Turnier-Auftakt vor vier Jahren in Asien gegen Saudi-Arabien: «Jetzt wissen wir, wir können uns behaupten.»
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