Fußball-WM raubt Chinesen den Schlaf
Peking (dpa) - 09.06.2006, 13:07 Uhr
Wen Jiabao (r) gerät wegen seiner Fußball-Leidenschaft in die Kritik.
Einige hundert Millionen Fußballfans in China bereiten sich auf lange Nächte vor - auch Ministerpräsident Wen Jiabao. Er bekannte, für die WM-Spiele wegen des sechsstündigen Zeitunterschieds bis in die frühen Morgenstunden aufbleiben zu wollen. «In China gibt es eine riesige Zahl von Fußballfans, die aufbleiben, um die Spiele zu sehen - und ich bin einer von ihnen», bekannte Wen Jiabao im Mai im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Peking. Diese Aussage löste aber auch kritische Reaktionen aus. «Der Premier ist so beschäftigt. Wie kann er sich da ausruhen?», kommentierte ein Internetnutzer in einem Diskussionsforum. «Es wäre besser, er nimmt es auf und schaut es sich tagsüber an, wenn er Zeit hat.» Angesichts des Niedergangs der von Korruptionsskandalen erschütterten Fußball-Liga in China bezweifelte ein anderer Nutzer die Begeisterung des Regierungschefs: «Wenn er ein wirklicher Fußballfan wäre, dann würde er beim chinesischen Fußball nicht untätig bleiben. Typisch diplomatisches Gerede.»
Wie auch immer - chinesische Fußballfans müssen mit wenig Schlaf auskommen. 40 der 64 Spiele sind erst um 2.00 morgens zu sehen. Viele Chinesen werden spät zur Arbeit kommen, nehmen sich Urlaub oder müssen den Schlaf im Büro nachholen. In einer Umfrage wollten 80 Prozent der Befragten die Spiele sehen - 20 Prozent sogar alle, was 30 von 100 befragten Personalchefs einige Sorgen bereitet. Chinesische Supermärkte melden höhere Umsätze mit Bier, Snacks und Fertignudeln, mit denen sich Fußballfreunde für die Nächte eindecken. «Die meisten Bierkäufer sind Fußballfans», berichtet ein Verkäufer der Supermarktkette Carrefour, die schon am Parkplatz Bier verkauft. Kneipen besorgen Nationalfahnen als Dekoration, stecken ihre Bedienung in Trikots. Sportbekleidung findet reißenden Absatz - aber weniger die echten und teuren Markenwaren, sondern eher die Raubkopien, die vielleicht ein Zehntel kosten. Pekings größter Elektronikladen verkauft derzeit 30 Prozent mehr Fernseher. |