Die Problematik beschrieb Franz Beckenbauer am Spieltag: «Wadenverletzungen sind gefährlich. Man muss sehr vorsichtig sein. Wenn ihm jetzt etwas passiert, ist die WM für ihn gelaufen», gab der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft zu Bedenken. Im Münchner DFB-Quartier wurde jedenfalls heiß diskutiert. Bundestrainer und Kapitän müssen aufpassen, dass die von einem vermeintlich harmlosen Bluterguss ausgelöste Belastungsprobe für die Nationalmannschaft nicht in einen Machtkampf mündet. «Das Turnier hat noch nicht begonnen - und schon gibt es Ärger», bemerkte schließlich Ballack selbst in Bezug auf den Wirbel um seine im Testspiel gegen Kolumbien erlittene Blessur. Das Muskelspiel um die «Wade der Nation» offenbarte, dass Klinsmann und Ballack zwar eine permanente Kommunikation pflegen, aber anscheinend nicht so sehr über entscheidende Dinge miteinander reden. Zudem liegen sie inhaltlich nicht immer auf einer Wellenlänge. Das trat deutlicher als jemals zuvor zu Tage, als Ballack vor der WM- Generalprobe gegen Kolumbien einen Warnruf an Klinsmann startete und eine Korrektur des offensiven Hurra-Stils einforderte. «Der Bundestrainer weiß, wie ich und einige andere denken», sagte Ballack, der sich nach dem 3:0-Sieg gegen Kolumbien bestätigt fühlen durfte. Klinsmann sagte während der WM-Vorbereitung über sein Verhältnis zu seinem Anführer: «Die Kommunikation mit dem Kapitän ist permanent da. Er ist in den gesamten Prozess eingebunden.» Ballack wiederum sprach noch im Regenerations-Trainingslager auf Sardinien ebenfalls von einem «guten Verhältnis» zum Bundestrainer, der ihn schließlich gleich zu Beginn seiner Amtszeit im August 2004 befördert hatte. «Er hat mich zum Kapitän gemacht. Das war ich vorher nicht und das zeigt, dass er großes Vertrauen in mich hat. Das will ich bei der WM zurückzahlen», sagte Ballack. «Wir sprechen sehr viel miteinander», ergänzte der erfahrenste deutsche WM-Feldspieler. Allerdings wurde sogar der Kapitän zum Beispiel am Tag der WM-Nominierung von der unerwarteten Ausbootung Kevin Kuranyis sowie der sensationellen Berufung des Dortmunders David Odonkor überrascht. «Nein, das wusste ich nicht», musste Ballack zugeben, als er vor dreieinhalb Wochen in London bei der Vorstellung als Neuzugang des FC Chelsea mit den Nachrichten aus Berlin konfrontiert wurde. Unbestritten ist: Ballack ist der einzige Spieler im deutschen Kader, der sich auch öffentlich kritisch mit Entscheidungen und dem Kurs des Bundestrainers auseinander setzen darf. Das sieht der Star des Teams - zumal nach der geschwächten Position seines Vorgängers Oliver Kahn - auch als seine Aufgabe an. «Wenn jeder seine Meinung nach Außen kund tut, haben wir ein Chaos», bemerkte Ballack, der betonte: «Das Kapitänsamt ist eine besondere Verantwortung.»
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