WM-Fangesänge: Zwischen Kulthit und Samba-Rhythmen
Stuttgart (dpa) - 08.06.2006, 09:38 Uhr
Fans feiern in Berlin bei der Eröffnung des Fan-Festes mit lauten Gesängen.
Die Töne sind oft schräg, die Texte schwanken zwischen tumben Tiraden und lyrischen Liebeserklärungen, doch ihre Wirkung ist nicht zu unterschätzen: Fangesänge können das Spiel, aber auch manchen Trainer zum Kippen bringen. Bei der Fußball- Weltmeisterschaft werden die Anhänger aus 32 Nationen neue und altbekannte Lieder in den Stadien singen. Unbestrittene Welthymne aller Fans bleibt ein Kult-Lied, mit dem 1963 der FC Liverpool von der Stehtribüne des Stadions an der Anfield Road erstmals unterstützt wurde: «You'll never walk alone.» Während bei dem im Jahr 1945 für das Broadway-Musical «Carousel» komponierten Lied sich die Fans vor allem nach Niederlagen sowie schlechten Zeiten mit ihrem Team solidarisieren, ist oft auch der Gegner das Thema. «Los, auf sie» (A por ellos oé) singen die Spanier, ganz wie in einer Stierkampfarena. Die erst jungen Nationen Südosteuropas hingegen mögen es martialischer: «Oh, du Mutter Kroatiens, du sollst nicht trauern. Alle Falken werden für dich ihr Leben geben» (Oj hrvatska mati, nemoj tugovati - svi ce sokolovi za te zivot dati) schallt es bei kroatischen Spielen von der Tribüne.
Italiener und Tschechen setzen auf die mutigen Mann und verspotten die eigenen Anhänger als Angsthasen, wenn sie auf den Stadionstufen nicht mithüpfen. «Hup, Holland, Hup» war bereits bei der WM 1974 in deutschen Stadien zu hören und könnte in diesem Jahr vom Lied «Wir lieben Oranje» abgelöst werden. «Der» deutsche Fangesang muss übrigens noch gefunden werden: Die Nationalmannschaft hat noch keine einprägsame musikalische Begleitung ihrer Fans. Im deutschen Vereinsfußball sind hingegen Schmährufe wie «Zieht den Bayern die Lederhosen aus» oder «Ihr seid nur ein Karnevalsverein» (bei rheinischen Teams) hingegen weit verbreitet. Der Fangesang erfüllt gleich mehrere Funktionen: Unterstützung oder auch Kritik der eigenen Mannschaft, Verhöhnung des Gegners sowie Kritik am Schiedsrichters. Musikwissenschaftler haben die Hitfaktoren für Fan-Gesänge gefunden: glatte, eingängige Melodien ohne «Ecken und Kanten», meist in gerader Taktart und nicht zu kompliziert. Eben leicht zu merken. Ein musikalisches Ereignis ist die Unterstützung der «Selecao»: Die Brasilianer konzentrieren sich ganz auf Samba, Schlachtrufe hingegen sind nicht angesagt. Die Leidenschaft für Musik und Tanz beherrscht nicht nur die Fans, sondern auch die Mannschaft. Nach ihrem Sieg beim Confed-Cup 2005 kam das komplette Team tanzend und trommelnd aus der Kabine, drehte eine Runde in der Mixed Zone und verschwand wortlos wieder in der Kabine. Sprachlos bleiben meist auch die Amerikaner: Die dortigen Fans strapazieren ihre Kehlen mehr mit Essen und Trinken.
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