Slips in Schwarz-Rot-Gold - Nationalfarben im Trend
Stuttgart (dpa) - 08.06.2006, 09:09 Uhr
Ein Kunde hält in einem Supermarkt eine Deutschland-Perücke in den Händen.
Gummibärchen, Unterhosen, Sofas und Fahnen - zur Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land scheint Deutschlands gesamte Warenwelt aus drei Farben zu bestehen: Schwarz-Rot-Gold. Waren die Nationalfarben in der Vergangenheit noch ein Zeichen verdächtiger Deutschtümelei, sind sie heute wieder salonfähig. In Talkrunden wird bereits die «Stunde der Patrioten» heraufbeschworen, Politiker hoffen durch die WM auf das zweite «Wunder von Bern». Wissenschaftler sehen die Strömung allerdings skeptisch. Bei Flaggen- und Fanartikelherstellern klingeln die Kassen. «Der Absatz an Fahnen ist immens. Deutschland ist der Top-Renner», sagt Lukas Weimann, Juniorchef der Pro Feet GmbH, die große Kaufhäuser mit WM-Fahnen beliefert. «Es scheint, als hätten die Deutschen keine Probleme mehr mit ihrer Flagge.» Pünktlich zum Fußballfest lehrt auch der Autor Florian Langenscheidt («Das Beste an Deutschland») seinen Landsleuten, die Heimat zu lieben.
Denn internationale Studien bescheinigen den Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern immer noch ein schlechtes Selbstwertgefühl: In einer Untersuchung der Universität Chicago steht Deutschland am unteren Ende der Patriotismus-Skala. «Das Bekenntnis zum eigenen Land ist auch jetzt noch relativ schwer», sagt Martin Schweer, Psychologieprofessor an der Universität Vechta. Ein Großereignis wie die Weltmeisterschaft schüre aber das Gemeinschaftsgefühl und sei gerade für junge Menschen eine Chance, sich mit dem Land zu identifizieren. Doch ob das deutsche Fahnenmeer wirklich der Ausdruck für eine neue Vaterlandsliebe ist, bezweifeln Experten. «Nicht jeder Fahnenschwenker wird gleich zum Patrioten oder Nationalisten», sagt Klaus Boehnke, Sozialwissenschaftler an der International University Bremen. Die große Masse mache sich über die historische Bedeutung der nationalen Symbole gar keine Gedanken. Sie werde vor allem durch momentane Euphorie getragen. «Einen Langzeiteffekt auf das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land dürfte die WM nicht haben», vermutet Boehnke. |