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Notizen von der Fußball-WM

07.06.2006, 16:15 Uhr

Lukas Podolski (l) und Bastian Schweinsteiger nehmen am Mannschaftstraining teil.
Lukas Podolski (l) und Bastian Schweinsteiger nehmen am Mannschaftstraining teil.

ROUTINIER: Für Kicker wie Lukas Podolski oder Bastian Schweinsteiger ist es die erste WM, Nationalmannschafts-Attaché Flavio Battisti ist als alter Hase schon zum achten Mal beim größten Fußball-Ereignis dabei. 

Als Deutschland 1974 den Titel im eigenen Land holte, stand der «Concierge der Kicker» noch im Dienst der Italiener, nun steht sein Planungstalent bei den Deutschen hoch im Kurs. «Du brauchst Organisationsfähigkeiten, Sprachkenntnisse und Erfahrung», beschreibt der 63-Jährige sein Erfolgsrezept.

LEHRSTUNDE: Assistenztrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff mussten noch einmal auf die Schulbank. Gemeinsam mit dem Chef des Nationalmannschaftsbüros, Georg Behlau, wurden die beiden von Vertretern der FIFA-Schiedsrichter-Kommission in einem rund einstündigen Vortrag über neue Anweisungen für die Unparteiischen informiert. Ein Lehrvideo gab es mit nach Hause.

FALSCH VERBUNDEN: Das Telefon nahezu ständig am Ohr, organisiert und plant DFB-Pressekoordinator Uli Voigt im Medienzentrum. Beim Versuch einen Wagen umzubestellen, wäre der Planungs-Profi aber fast gescheitert. Mehrfach erklärte er seinem Gesprächspartner das Anliegen - der antwortete immer mit einem klaglosen «Ja», Voigt kam mit seiner Anfrage nicht weiter. Des Rätsels Lösung: Voigt hatte eine «6» zu viel gewählt und war falsch verbunden.

VORFAHRT: Wenn die deutsche Auswahl am Donnerstag in München eintrifft, ist einer schon da. Busfahrer Wolfgang Hochfellner kutschiert das Team dann durch die bayerische Landeshauptstadt und zum Eröffnungsspiel. Der Bus, den er fährt, ist eigentlich ein Etikettenschwindel: Außen steht Hyundai drauf, innen ist Mercedes drin.


DAUM SIEHT SCHWARZ: Fußballtrainer Christoph Daum sieht schwarz für den deutschen Fußball. Der Nationalmannschaft räumt Daum bei der WM in einem Interview des «Playboys» nur Außenseiterchancen ein. Er verwies auf die Weltrangliste, wo Deutschland nur auf Platz 19 stehe: «Wir müssen viel nachholen, um in die Top Ten zurückzukehren.» Derzeit sei das Nationalteam «völlig abhängig von einem guten Michael Ballack». Eigentlich sei die Mannschaft ein Team «Ballack plus zehn». Auch für die Zeit nach der WM ist der in Istanbul arbeitende Trainer Pessimist: «Der deutsche Fußball steht vor einem Riesenknall», sagte Daum im unter Anspielung auf den Wett- Skandal. Wegen der WM werde im Augenblick «alles unter Verschluss» gehalten.

LANGER LULATSCH ALS PUPPE: Der 2,04 Meter lange englische Stürmerstar Peter Crouch kann seine einzigartige Form des Torjubels rechtzeitig zur WM versilbern. Die britische Spielzeugfirma MB-Games will noch rechtzeitig bis zum Gruppenauftakt am Samstag gegen Paraguay eine Crouch-Figur für ein von ihr vertriebene Tischfußballspiel auf den Markt bringen. «Crouch ist Kult. Alle sprechen über seinen Robotertanz», sagte ein Firmensprecher in der Londoner «Times». Seit seinen drei Toren beim 6:0-Testspielsieg der Engländer gegen Jamaika am vergangenen Samstag ist der 25-Jährige in der Werbung auch sonst ein gefragter Mann. Der lange Stürmer macht Reklame für Handys, Autos und Energiedrinks.

ZUNGENBRECHER: Bastian Schweinsteiger bereitet dem deutschen WM- Auftaktkontrahenten Costa Rica nicht nur wegen seiner fußballerischen Fähigkeiten Schwierigkeiten. Vor unlösbare Probleme stellt der Münchner Mittelfeldmann die Mittelamerikaner auch wegen seines für sie unaussprechlichen Nachnamens. Während «Ballack» oder «Podolski» beinahe akzentfrei über ihre Lippen kommen, führt das Bemühen, «Schweinsteiger» einigermaßen korrekt zu formulieren, zu regelrechten Verrenkungen in Richtung «Eswainesteiga». Kurzerhand reden die Costaricaner deshalb so gut wie immer von der «número 7», der «Nummer 7».

JUBILAR: Robert Ayala hat den himmelblau-weißen Dress der argentinischen Nationalelf bereits hundert Mal übergestreift, findet aber einen Erfolg in Deutschland viel wichtiger: «Diese beachtliche Anzahl an Länderspielen für mein Land würde ich gern für den Gewinn des WM-Titels hergeben», verrät der Manndecker. Ayala könnte bei dem möglichen Gewinn des WM-Titels auch die nationale Spitze der Spieler mit den meisten Länderspielen erklimmen. Denn bei weiteren sieben Spielen hätte er ein Partie mehr auf dem Konto als Diego Simeone (106). Zweiter ist bislang Javier Zanetti (102), den Trainer José Pekerman aber nicht in den 23-köpfigen Kader berief.

SCHNARCHER: Hernan Crespo schnarcht - und das hat dem argentinischen Angreifer im WM-Quartier ein besonderes Privileg verschafft. Der Profi vom FC Chelsea logiert im HerzogsPark in Herzogenaurach alleine in einem Zimmer. Während andere wie Jungstar Lionel Messi und Ersatzkeeper Oscar Ustari, die im vergangenen Jahr bei der U-20-WM den Titelgewinn feierten, eins der insgesamt 73 Zimmer des Vier-Sterne-Hotel teilen müssen, hat Crespo seine vier Wände für sich allein. Teamkollege Lionel Scaloni hielt der nächtlichen Lärmbelästigung durch Crespos Schnarchen nicht Stand.

BRASILIANISCHE SPIELFREUDE: Emerson ist der Playstation-Champion beim Fußball-Weltchampion Brasilien. Der 30-jährige Mittelfeldspieler von Juventus Turin setzte sich beim internen Turnier der «Seleção» durch. Das Turnier begann nach Angaben des brasilianischen Fußball-Verbandes (CBF) bereits vor zwei Wochen bei der WM-Vorbereitung in der Schweiz und wurde jetzt im Quartier in Königstein entschieden. In der Endrunde setzte sich der auf dem Fußballplatz ansonsten defensive Emerson mit neun Punkten gegen die Offensivkräfte Kaká, Robinho und Fred durch. Der Routinier setzte dabei das virtuelle Team von Arsenal London ein. Kaká wurde mit seinem ureigenen Club AC Mailand Zweiter.

NORDLICHTER: Die Skandinavier wollen bei der WM zusammenhalten. Weil nur Schweden, nicht aber die Nachbarn aus Dänemark und Norwegen sich für das Turnier qualifizieren konnten, forderte die Osloer Zeitung «Dagbladet» vor dem Auftakt nordische Einigkeit: «Wenn wir die Schweden nicht schlagen können, müssen wir sie anfeuern.» Vorsichtshalber verwies das Blatt Skeptiker auf die Tatsache, dass der letzte ernsthafte Streit zwischen beiden Ländern 101 Jahre her sei. 1905 hatte sich Norwegen aus der Staatenunion mit Schweden gelöst. An Schwedens Stürmerstar Henrik Larsson kann «Dagbladet» nur einen Makel finden: «Wenn er doch nur Norweger wäre.»

EHRE, WEM EHRE GEBÜHRT: Die Sportanlage Altkönigblick in Königstein ist für den Trainingsaufenthalt der brasilianischen Mannschaft in «Zagallo Arena» umbenannt worden. Mario Zagallo ist technischer Koordinator der «Seleção» und auch immer so etwas wie ein Glücksbringer: Der 74-Jährige war als Spieler 1958 sowie 1962 und als Trainer 1970 Weltmeister. Der «Professor», wie er genannt wird, will sich auch nach der WM nicht zur Ruhe setzen: «Für mich ist Arbeit das Synonym für Gesundheit.»

BECKHAMS TEE: Englands Kapitän David Beckham und seine Kollegen haben sich in ihrem Domizil Schloss Bühlerhöhe mit tausend Teebeutel-Packungen aus der Heimat eingedeckt. Zwei Lkw lieferten den Kickern von der Kanalinsel außerdem Unmengen an Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln und elektronischen Geräten ins Mannschaftshotel im Schwarzwald. Neben 200 Muffins mit mindestens drei Monaten Haltbarkeitsdauer sind auch heimischer Hair-Styling-Schaum, (24 Einheiten), Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 30 (24 Flaschen) und eine Ladung LCD-Breitbild-Fernseher (pro Spieler einen), Plasma- Bildschirme, Satellitenempfänger, Computer und DVD-Player/Recorder unverzichtbar.

FUßBALLERSEX: Fast zwei Drittel der Deutschen sind der Meinung, dass Sex während der Fußball-Weltmeisterschaft gut für das Nationalteam ist. In einer Umfrage des Magazins «Playboy» begrüßten 62 Prozent der Befragten, dass die deutschen Spielerfrauen ihre Männer begleiten dürfen. Sex während des Turniers steigert ihrer Meinung nach die sportliche Leistung der Spieler. 24 Prozent befürchten, Sex könnte die Leistung der Mannschaft beeinträchtigen, daher sollten die Spieler darauf verzichten. In Ostdeutschland gibt es weniger Zustimmung zum WM-Sex (58 Prozent) und mehr Ablehnung (27 Prozent).

UKRAINE-SONGS: Die Begeisterung über die erste WM-Teilnahme hat auch die Musikindustrie in der Ukraine erfasst. Gleich vier Bands haben WM-Lieder aufgenommen, drei davon laden mit schlichten Texten zum Nachsingen ein. Die Rock- und Hip-Hop-Gruppe Tartak fordert: «Tor, Ukraine! Sieg, Ukraine!», eine Reihe von Stars singt gemeinsam «Los, Ukraine!» Am leichtesten haben es sich die Hip-Hopper von TNMK gemacht: Sie formulierten den Queen-Klassiker «We will rock you» einfach in «Viva Ukraine» um.

MIROS FRAUENGESCHMACK: Nationalspieler Miroslav Klose hat ganz bewusst eine Polin geheiratet. Polnische Frauen seien ruhiger, gelassener und nicht so wild wie deutsche, sagte Klose der Illustrierten «Bunte». «Wild heißt: rauchen, trinken, Partys. Das gibt's bei polnischen Frauen nicht.» Verletzungen, wie kürzlich ein Jochbeinbruch, schlagen ihm aufs Gemüt, verriet Klose dem Blatt. «Dann nehme ich einen Ball und kicke zu Hause im Wohnzimmer rum.» Wenn er von einer Ecke zur anderen den Lichtschalter an- und ausschieße, gehe dabei «auch schon mal was kaputt. Bilder, Lampen, Vasen. Das regle ich dann mit meiner Frau Sylwia.»

GEORDNETE FREUDENFEIER: Um zu spontane Freudenfeiern zu erschweren, werden in Irans Hauptstadt Teheran die Spiele der WM statt auf öffentlichen Plätzen nur in Parks gezeigt. Das erklärte ein städtischer Sprecher der staatlichen Nachrichtenagentur ISNA. So sollen nach dem Willen der Polizei Freudenfeiern geordneter ablaufen. Nach dem iranischen Sieg gegen den politischen Erzfeind USA bei der WM 1998 waren beim ausgelassenen Jubel in den Straßen alle in der Islamischen Republik gängigen Konventionen außer Acht gelassen worden: So hatten die die Fans zu lauter Musik getanzt und viele Frauen sich ohne Kopftuch gezeigt.

VOM HANDGELENK GOTTES: Vor seiner geplanten Anreise zur Fußball- WM hat Diego Maradona handfesten Ärger mit der italienischen Polizei bekommen. Weil die Steuerbehörde seiner früheren Wahlheimat Außenstände über 31 Millionen Euro beim 45-jährigen Argentinier hat, konfiszierten Polizisten jetzt kurzerhand zwei wertvolle Armbanduhren Maradonas, als dieser in Guiliano bei Neapel an einem Benefizspiel teilnahm. Bei einem Schätzwert der Uhren von 10 000 Euro bleibt immer noch eine beträchtliche Restschuld. Maradona hatte während der achtziger Jahre mit großem Erfolg beim SSC Neapel gespielt.

MISS-WIRBEL: Alicia Machado, «Miss World» von 1996, hat beim Training des deutschen WM-Auftaktgegners Costa Rica in Walldorf für viel Wirbel gesorgt. Die 28 Jahre alte Venezolanerin arbeitet während der WM für einen mexikanischen Fernsehsender als Reporterin. Als die Ex-Miss im Waldstadion auftauchte, geriet das Training der «Ticos» zumindest für die Medienvertreter auf einen Schlag zur Nebensache. Trainer Alexandre Guimaraes hatte seine Schützlinge jedoch weitgehend im Griff. Die Spieler versuchten, sich auf ihre «Arbeit» zu konzentrieren. Als Machado anschließend mit etwas kreischender Stimme einzelne Akteure zum Interview bat, eilten die Auserkorenen willig herbei.

TOUR DE PORTUGAL: Für Roamo Barbosa ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Der Fan der portugiesischen Nationalmannschaft ist mit dem Fahrrad von Guimares ins ostwestfälische Marienfeld gefahren, um Nationalspieler Fernando Meira zum 28. Geburtstag eine spezielle Fahne seiner Geburtsstadt zu überreichen. Der Fan benötigte für die 2200 km lange Tour mehr als eine Woche. Meira war gerührt von der Aktion: «Das ist ein sehr spezielles Geschenk. Das wird uns positive Energie geben», sagte der Stuttgarter.

BLAIR ZEIGT FLAGGE: Großbritanniens Premierminister Tony Blair lässt zu allen Spieltagen für die englische WM-Elf seinen Londoner Dienstsitz Downing Street 10 beflaggen. «Wir werden an den Spieltagen mit Blick auf den besonderen Anlass flaggen», sagte der bekennende Fußballfan zur Begründung. Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson erhielt einen persönlichen Brief des Premierministers mit kräftigen Vorschusslorbeeren, aber auch unüberhörbarem Druck: «Wir haben eine großartige Mannschaft, die auch gut geführt wird. Wie Sie wissen, erwarten wir alle große Dinge.»

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