Projektleiter Klinsmann auf dem WM-Prüfstand
Berlin (dpa) - 07.06.2006, 12:47 Uhr
Jürgen Klinsmann bei einer Pressekonferenz in Berlin.
Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer - drei Trainer, drei Weltmeister, drei Legenden. In diese Helden- Galerie möchte sich Jürgen Klinsmann am 9. Juli im Berliner WM-Finale einreihen und das ruhmreiche Vorgänger-Trio sogar noch überbieten: Kein Herberger, kein Schön und nicht einmal der «Kaiser» erklommen den Fußball-Olymp gleich bei ihrem ersten WM-Turnier als Trainer. Klinsmann glaubt an sein Projekt. 1954, 1974, 1990 - 2006! «Die Fans haben den Wunsch und die große Hoffnung, dass wir im eigenen Land Weltmeister werden. Das ist auch mein Ziel», lautete sein Antrittssatz am 29. Juli 2004, als er fünf Wochen nach dem blamablen Vorrunden-Aus der Nationalelf bei der Europameisterschaft in Portugal als Nachfolger von Rudi Völler präsentiert wurde. 22 Monate und 27 Länderspiele später hat sich an diesem Traum nichts geändert, schon bei der Ankunft in Berlin wiederholte der 41-Jährige seine mutige Ambition: «Die vor zwei Jahren gestellte Zielvorgabe war richtig.» Klinsmanns Masterplan kommt ab dem 09. Juni auf den WM-Prüfstand und mit ihm der ambitionierte Projektleiter selbst. «In erster Linie ist es eine große Ehre für mich, die Mannschaft in so ein Ereignis führen zu können», sagte der stürmende Weltmeister von 1990. Am Ende des Turniers wird Klinsmann entweder auf Händen getragen werden oder schon längst mit einem One-Way-Ticket zurück nach Kalifornien geschickt worden sein. Das weiß keiner besser als Klinsmann selbst: «Die Konstellation ist klar: Als Trainer wird man am Erfolg gemessen.» Und Erfolg bei einer Heim-WM ist der Titelgewinn, das Finale - aber auch noch ein Einzug ins Halbfinale?
Klinsmann wirkte in den letzten Tagen vor dem Anpfiff zunehmend angespannt, das charakteristische Lächeln war nur noch selten zu sehen. Der Druck, die Anspannung, die Verantwortung werden zur Last - Tag und Nacht. «Es ist eine ganz andere Verantwortung, die man als Trainer hat. Alles, was man tut, hat Resonanz in der Öffentlichkeit.» Klinsmann hat viel bewegt in den 22 Monaten, in denen er den Deutschen Fußball-Bund (DFB) aufgemischt und die Nationalmannschaft umgekrempelt hat. Deutschland hatte noch keinen Bundestrainer, der so entscheidungsfreudig war wie der schwäbische Bäckersohn, der so kompromisslos seinen Weg gegangen ist. Er hat eine Institution wie Sepp Maier abserviert, Oliver Kahn vom Titanen-Sockel gestürzt und einen Kevin Kuranyi, der ihm im August 2004 in Wien mit drei Toren ein perfektes Trainer-Debüt beim 3:1 gegen Österreich bescherte, in letzter Minute aus dem WM-Kader gestrichen. Zugleich holte er Fitnesstrainer aus den USA, einen Chefscout aus der Schweiz und erweiterte den Betreuerstab um einen Sportpsychologen. Der Reformer Klinsmann eckte mit der Bundesliga an, verärgerte WM- Chef Beckenbauer und hinterließ in zwei Jahren so viel verbrannte Erde, dass sich wenige eine Fortsetzung seiner Arbeit nach der WM vorstellen können. Aber Klinsmann verzückte mit seinem jungen Team und seinem Hurra-Stil die Fans beim Confed-Cup. Der Fan ist sein wichtigster Verbündeter neben seinen Spielern, die für ihn durchs Feuer gehen. «Das Publikum unterstützt uns auf wundervolle Art und Weise», sagte Klinsmann. «Es gibt der Mannschaft Rückendeckung. Und das ist das, was wir brauchen.» Der Bundestrainer weiß, dass er in der Pflicht der Fans steht, die ihn feiern oder davonjagen werden.
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