Klinsmann eröffnet WM-Countdown
Berlin (dpa) - 05.06.2006, 18:21 Uhr
Bundestrainer Jürgen Klinsmann hält in Berlin die erste Pressekonferenz ab.
Jürgen Klinsmann ist endlich in Berlin - und vor dem 9. Juli will er nicht wieder weg. Nach dem Einzug der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in das WM-Quartier im Grunewald untermauerte der Bundestrainer nochmals sein beim Amtsantritt vor zwei Jahren formuliertes Maximal-Ziel, zum vierten Mal nach 1954, 1974 und 1990 den Weltpokal nach Deutschland zu holen. «Wir sind bereit loszulegen. Wir haben die Möglichkeit, etwas zu bewegen», betonte Klinsmann vier Tage vor dem Ernstfall am 9. Juni in München gegen Costa Rica. Er werde alles dafür tun, dass sein Team bis zum Endspiel in der deutschen Hauptstadt bleibe, ergänzte der 41- Jährige. «Ich bin rund um die Uhr für die Mannschaft da.» Als erste praktische Maßnahme verzichtete Klinsmann beim von einem großen Medienaufkommen begleiteten Eröffnungstraining in Berlin auf Kapitän Michael Ballack. Nach Angaben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) laboriert der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler an einer Muskelverhärtung in der rechten Wade. Da vorrangig Sprinteinheiten auf dem Übungsprogramm standen, wurde Ballack geschont und im Hotel behandelt. «Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme», vermeldete der DFB.
Obwohl nach dem überzeugenden 3:0 bei der Generalprobe gegen Kolumbien in Mönchengladbach die Startelf für das erste Gruppenspiel gegen Außenseiter Costa Rica praktisch steht, will Klinsmann in den maximal fünf Trainingseinheiten und den theoretischen Schulungen bis zur Abreise nach München am 8. Juni nicht locker lassen. «Wir haben keine Angst, vor keinem Gegner und sind voller Selbstbewusstsein. Wir wissen aber auch, dass es schwer wird», sagte der Wahl-Amerikaner, der mit schwarzem Trainingsanzug zu seinem ersten offiziellen Termin im Berliner DFB-Pressezentrum erschien. Klinsmann dokumentierte mit der Wahl seiner Kleidung, dass bei allem Optimismus «noch viel Arbeit vor uns liegt». Nach den drei Toren von Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger und Tim Borowski gegen Kolumbien hatte Klinsmann den Spielern noch einen kurzen Pfingsturlaub genehmigt. Schon am Abend aber ließ der Bundestrainer im Amateurstadion von Hertha BSC wieder trainieren. Taktischer Feinschliff, Standards und die theoretische Vorbereitung auf den weitgehend unbekannten Auftakt-Gegner bilden die Schwerpunkte an den kommenden Tagen. Auch die Stamm-Elf muss weiter Gas geben, verdeutlichte Arne Friedrich, der nach einer Pause gegen Japan gegen die Kolumbianer wieder als rechter Verteidiger mitwirken durfte: «Ich habe mich wieder regeneriert. Ich fühle mich nicht zu sicher.» |
Während aus dem Ausland weiter skeptische Stimmen über die Rolle des WM-Gastgebers nach Deutschland dringen, verteidigte Klinsmann ausdrücklich seine Vorgabe Titelgewinn: «Es war die richtige Zielstellung, weil wir uns im Kopf darauf eingestellt haben.» Entsprechend selbstbewusst äußerten sich die Spieler. «Ich bin überzeugt, dass wir gegen Costa Rica sehr erfolgreich sein werden», sagte Friedrich. «An ein Vorrunden-Aus denkt keiner bei uns.» In den bisherigen 17 WM-Turnieren war noch nie ein Gastgeber in der Vorrunde gescheitert, gleich sechs Mal errangen Heim-Teams sogar den Titel. Um die große öffentliche Erwartungshaltung nicht ungehindert auf sein junges Team einprasseln zu lassen, wohnen die Spieler in einer geschützten Zone. Als einer der ersten nach Christoph Metzelder zog Lokalmatador Friedrich in das weiträumig abgesperrte «Schlosshotel» im Villenviertel Grunewald ein. «Das WM-Fieber ist auf dem Höhepunkt», erklärte der Herthaner zur Stimmung in der 3,5 Millionen Einwohner zählenden Metropole: «Ich liebe diese Stadt.» Klinsmann hat das Quartier auch aus seiner persönlichen Erfahrung aus sechs großen Turnieren als Spieler ausgewählt. «Zum einen ist es eine kleine Oase, zum anderen ist die direkte Anbindung zum Zentrum da», bemerkte der Bundestrainer zum Fünf-Sterne-Hotel und kündigte für sein Personal große Freiheiten bei der Freizeitgestaltung an. Auf der anderen Seite hatte Klinsmann schon in der Vorbereitung in Genf und Düsseldorf keine Zeitungen mehr zum Frühstück auslegen lassen, um Ablenkungen während der Arbeit auszuschließen. «Wenn die Tür zu ist, ist sie zu», begründete der 41-Jährige die Abschottung. Angesprochen auf die weiter munter geführten Debatten um seine persönliche Zukunft, unterstrich Klinsmann, dass er das über zehn Millionen Euro teure Projekt WM 2006 nicht als Endpunkt sehe. «So eine Arbeit dauert, das ist ein Prozess, der sehr intensiv angekurbelt wurde. Er sollte auch über die WM hinaus weitergehen.» Dabei bekräftigte er seine Bereitschaft, auch nach dem Turnier im eigenen Land als Projektleiter weitermachen zu wollen. «Grundsätzlich kann ich mir die Fortsetzung der Arbeit sehr gut vorstellen.» Team-Manager Oliver Bierhoff forderte unterdessen die Entscheidungsträger des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und alle anderen Funktionäre auf, sich ab sofort an Debatten um die berufliche Zukunft des Bundestrainers nicht mehr zu beteiligen. «Wer heute als Verantwortlicher des DFB oder in der Mannschaft die Trainerfrage diskutiert, hat die Ernsthaftigkeit dieser WM nicht verstanden. Das sollte unterlassen werden», warnte Bierhoff.
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