Die Tiefe des Raumes - Fußball als Lebensweisheit
Berlin (dpa) - 05.06.2006, 11:26 Uhr
Ein Fußballer führt den Ball mit dem rechten Fuß.
Aus Bibel und «Faust» stammen die geläufigsten Zitate deutscher Sprache. Sie bieten Orientierung und Lebenshilfe. Doch auch der Volkssport Fußball verbreitet mit ähnlicher Kraft ewige Weisheiten. Günter Netzer kam «aus der Tiefe des Raumes» und Jürgen Klinsmann sollte jetzt vielleicht diesen Spruch beherzigen: «Hinten dicht, und vorne hilft der liebe Gott». Kirchenmänner haben sogar auf der Kanzel über Maradonas «Hand Gottes» gepredigt. Für Fußballfans hat die Wahrheit aber nur einen Ort: «Auf'm Platz». Ur-Vater der Fußball-Sprüche war Sepp Herberger. «Der Ball ist rund», antwortete der Nationaltrainer verschmitzt auf das 3:8-Desaster gegen Ungarn bei der WM 1954 in der Schweiz. Danach offenbarte der 3:2-Finalsieg für Deutschland die ganze tiefe Bedeutung des Herberger-Satzes: Im Fußball ist alles im Fluss. Bis dann eine sich überschlagende Rundfunk-Stimme aus dem Äther rief: «Aus, aus, aus, das Spiel ist aus.» Kaum ein anderer Satz dürfte in diesem WM-Jahr häufiger im Radio und Fernsehen zu hören und in Zeitungen zu lesen sein. Selbst Kabarettisten kupferten den Ausrufe-Satz von Herbert Zimmermann zum Ende der Ära von Gerhard Schröder ab.
Auch Herberger hatte überwiegend recht. «Das nächste Spiel ist immer das schwerste», sagte er stets treffsicher voraus. Mit dieser Weisheit irrte der alte Fuchs: «Ein Spiel dauert 90 Minuten.» Nicht nur der FC Bayern weiß seit dem 1:2-Drama im Champions-League-Finale gegen Manchester United, dass bis zur 94. Minute auch noch alles ganz anders kommen kann. Viele banale, schlaue, aber auch ironische und manche kaum verständlichen Fußballer-Sprüche haben Eingang in die Alltagssprache gefunden. «Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu», lässt sich für jede Lebenslage verwenden. Manches klingt aber auch gaga: «Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien» oder die Forderung eines Spielers in Vertragsverhandlungen mit seinem Verein «Ich möchte lieber ein Viertel als ein Drittel verdienen», sind eher abschreckende Beispiele. |
In jedem Fall war das gern genutzte TV-Phrasenschwein für die Strafgebühren bei den schlimmsten Fußball-Floskeln schon immer prall gefüllt. Da ist «Die Ecke, die nichts einbrachte», die «linke Klebe» von Lothar Emmerich, das typische Pokalspiel, das seine «eigenen Gesetze» hat, der Elfmeter, der erst ist, «wenn der Schiedsrichter pfeift», und, völlig unbegreiflich, da das Tor ja überall harmonische Rechtwinkligkeit aufweist, der Eckball «auf den kurzen und den langen Pfosten». Dann sind da noch die Leute «mit Pferdelunge», die «Wasserträger», die «Wadenbeißer», die «elf Freunde», die sie längst nicht mehr sind und natürlich «die Deutschen, die am Ende immer gewinnen», falls sich der englische Ex-Stürmer Gary Linecker da diesmal nicht irrt. Ein anderer Brite, Bill Shankley, setzte das unumstößliche Fußball-Zitat in die Welt: «Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger als das.»
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