Die Euphorie ist neu entfacht, die Startelf steht - und der Kapitän marschiert vorneweg. Als Jürgen Klinsmann nach dem 3:0 in der WM-Generalprobe gegen Kolumbien im dunkelblauen Mercedes-Kombi abdüste, hatte er die erhofften letzten Erkenntnisse mit im Gepäck.
«Die Mannschaft kann mit breiter Brust in das Eröffnungsspiel gehen, wohl wissend, dass das eine ganz andere Geschichte wird nächsten Freitag», erklärte der Bundestrainer bereits mit Blick auf den WM-Ernstfall in München gegen Costa Rica. Speziell der Hinweis von Michael Ballack, bei allem Mut und Risiko die Tor-Sicherung nicht zu vernachlässigen, hatte gegen die Südamerikaner vor 45 600 Fans in Mönchengladbach erste Wirkung gezeigt.
Die 23 «Klinsmänner» fühlen sich gerüstet für die selbst ausgegebene Titel-Mission, die spätestens jetzt das WM-Gastgeberland erfasst hat. Die Fans wollen den «vierten Stern», der für den vierten WM-Gewinn nach 1954, 1974 und 1990 stehen würde. Als im Borussen-Park die letzte Minute der 18-tägigen Vorbereitung abgelaufen war, trugen junge Anhänger ein vom DFB vorbereitetes Spruchbank auf den Rasen: «Gemeinsam mit euch ein Traum - 9. Juli 2006». Klinsmann hat das Endspiel-Datum seinen Spielern in die Köpfe und den Fans ins Herz gebrannt: «Das Publikum hat ein gutes Gespür, dass diese Mannschaft wächst, dass die jungen Spieler das Publikum im Rücken brauchen.»
«Von der Stimmung her ist es ähnlich wie 2002», zog Miroslav Klose schon Parallelen zur Weltmeisterschaft vor vier Jahren, als das DFB- Team in Asien auch als verschworene Gemeinschaft bis ins Finale durchmarschiert war. Wesentlichen Anteil an der Zuversicht hat Kapitän Ballack, der seiner Kritik am zu offensiven Hurra-Stil auch Taten folgen ließ. Der 29-Jährige lenkte gegen die Kolumbianer das Spiel und seine Nebenleute und zeichnete sich als Torschütze aus. «Er ist unser Kapitän, er hat was zu sagen. Er hat in einigen Punkten Recht gehabt», bemerkte Klose. Nach dem misslungenen Ausflug ins halbrechte Mittelfeld agierte Ballack in der Zentrale wieder stark: «Das bin ich gewohnt zu spielen, das wird sicher auch so bleiben.»
«Michael hat gesagt, dass wir als Mannschaft insgesamt etwas defensiver denken müssen», berichtete Christoph Metzelder, der nach Verletzungen und Reservisten-Rolle in Dortmund die letzten Zweifel an seiner WM-Tauglichkeit ausräumte. «Er ist ein wichtiges Bindeglied - fußballerisch und verbal», betonte auch Per Mertesacker die Bedeutung von Ballack. Der Spielführer nahm sich nach Fehlern mehrmals seine Mitspieler zur Brust, lobte aber auch. Insgesamt operierte das Team Mannschaft wesentlich kompakter als beim 2:2 gegen Japan. «Man hat gesehen, dass jeder einzelne Verantwortung für die Defensive übernommen hat. Ich bin zufrieden», sagte der Mittelfeld-Chef.
Klinsmann bestätigte zwar auch die Fortschritte, wird die Zügel beim WM-Countdown ab Pfingstmontag aber nicht lockerer lassen. «Jedes Spiel geht von Neuem los. Deshalb kann man nicht sagen, das läuft nächste Woche genauso», warnte der 41-Jährige und kündigte ein weiter hartes Trainingsprogramm an. «Wir dürfen uns jetzt in keiner Weise ausruhen. Wir sind sehr hungrig auf das Turnier.» Klinsmann will in Berlin, wo sich sein Personal am Montag bis 15.00 Uhr im Schlosshotel Grunewald einfinden muss, intensiver Standardsituationen trainieren, schon jetzt eine «Waffe» des Teams.
An seiner Start-Elf für Costa Rica aber wird Klinsmann kaum noch etwas ändern, auch wenn er darauf hinwies: «In fünf Tagen kann noch viel passieren.» Vor Torhüter Jens Lehmann, dessen Ausflüge als «Ersatz-Libero» weiterhin als Risiko eingestuft werden müssen, verteidigen Arne Friedrich, Mertesacker, Metzelder und Philipp Lahm. Dem 22 Jahre alten Münchner gelang nach seiner Ellbogen-Operation ein beachtliches Comeback.
Im rechten Mittelfeld wird wieder Bernd Schneider spielen. «Da fühle ich mich wohler», bestätigte der Leverkusener. Links ist Bastian Schweinsteiger nicht nur durch sein tolles Freistoßtor inzwischen zur festen Größe geworden. Im Zentrum ist neben Ballack auch Frings gesetzt, obwohl der noch um seine WM-Form ringt. Und im Angriff sind Klose und Podolski erste Wahl. «Das war die Mannschaft, die den stärksten Eindruck hinterlassen hat», sagte Ballack.
«Wichtig war, dass wir mit einem positiven Erlebnis in die WM gehen, dass die Fans Vertrauen in uns haben», ergänzte der künftige Engländer, der sich wie seine Kollegen für wenige Stunden im Kreise der Familie erholen darf. «Man fährt körperlich ein bisschen runter, aber mit den Gedanken ist man immer beim ersten WM-Spiel», sagte der Kapitän. Alle scheinen sich dabei bewusst, dass Kolumbien noch nicht der Maßstab sein kann. «Es war ein Testspiel und der Gegner keine Übermannschaft», betonte Schweinsteiger.