Bekenntnisse auf dem Rasen: Fußball und Glaube
01.06.2006, 11:27 Uhr
Die Spieler Ze Roberto und Lucio knien nach einem Spiel auf dem Rasen.
München (dpa) Südamerikaner tragen gerne T-Shirts mit Aufschriften, was Jesus für sie bedeutet. Christoph Metzelder spricht ausführlich über seinen Glauben. Gerald Asamoah verarbeitet sportliche Niederlagen im Gottesdienst. Selbst Bundestrainer Jürgen Klinsmann berichtet, «gelegentlich» zu beten. Und Spitzen- Schiedsrichter Markus Merk bezeichnet sich als «praktizierenden Christen». Glaube und Religiosität ist ein Thema im Fußball, christliche Symbolik hat ihren Raum auf dem grünen Rasen - auch, wenn es dabei nicht um den viel beschworenen «Fußball-Gott» geht. Grundsätzlich begrüßen es die beiden großen Kirchen in Deutschland, wenn prominente Fußballer über Gott und ihren Glauben sprechen. Schließlich schreibt man den umjubelten Kickern Vorbildcharakter zu, und den Kirchen könnte deren Engagement in Glaubenssachen als PR-Dienst nur recht sein. «Wir freuen uns über jeden, der sich zum christlichen Glauben bekennt», sagt der Karlsruher Pfarrer Hans-Georg Ulrichs, WM-Beauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Jedoch: «Aufrichtig und ehrlich» müssten die Zeichen sein, bemerkte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, ein bekennender Fußball-Fan.
Glauben auf dem Fußball-Platz darf nach Meinung der Kirchen nicht zum effektvollen Budenzauber werden. «Christlicher Glaube hat nichts mit Magie zu tun. Es wäre falsch zu sagen: Ich schlage ein Kreuz, und dann gewinne ich», sagt Pfarrer Ulrichs. Vor allem Südamerikaner demonstrieren offensiv, woran sie glauben. «Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben», lautete die Aufschrift eines Plakates, mit dem der amtierende brasilianische Weltmeister Lucio und sein Kollege Zé Roberto bei der Meisterfeier des FC Bayern durchs Stadion liefen. Andere bekreuzigen sich, wenn sie den Rasen betreten oder ein Tor erzielen. Und Weltstar Pelé betont gerne, dass er alles, was er erreicht habe, Gott zu verdanken habe. |
Zurückhaltender mit großen Gesten und Worten sind die deutschen Nationalspieler. Lediglich Oliver Bierhoff, bis vor vier Jahren Nationalstürmer und heute Teammanager, bekreuzigte sich nach jedem Tor. Und Jung-Nationalspieler David Odonkor trägt eine Tätowierung mit dem Schriftzug «Ich glaube an Gott und meine Familie». In Interviews sprechen aber viele deutsche Spieler über ihre religiöse Überzeugung oder schreiben Beiträge in kirchlichen Publikationen. Der katholische Glaube sei ein «wichtiger Teil meines Lebens», sagte etwa Verteidiger Metzelder in einem Zeitungsinterview. Der Glaube sei für ihn etwas Wichtiges, vor allem in Phasen großen Drucks oder bei Rückschlägen. Er bete täglich, «auch die Tatsache, daß ich mich sozial und karitativ engagiere, hat mit meinem Christentum zu tun». Bekreuzigungen oder andere Formen der Glaubensdemonstration auf dem Sportplatz lehnt der Dortmunder aber ab: «Ich würde das nie machen. Glaube ist für mich etwas Intimes - auch, wenn ich damit sehr offen umgehe.» Einen Fußball-Gott gebe es aber nicht, glaubt Metzelder: Gott zeige sich nicht in 90 Minuten. «Die Spieler gehen ja nicht hausieren mit ihrem Glauben. Sie werden nach ihrer religiösen Biografie gefragt. Und dann ist es toll, wenn sie sagen, der Glaube gehört auch dazu», erklärt Winfried Haunerland, Liturgieprofessor an der katholischen theologischen Fakultät der Universität München. Wenn man einen Menschen kennen lernen möchte, «gehört auch die Frage dazu, ob es einen Glauben gibt, der ihn trägt», ergänzt Haunerland. Bleibt die Frage: Darf man für den Sieg beten? Offiziell tut das natürlich niemand, würde das doch die Bekenntnisse in Frage stellen und den Glauben reduzieren als Mittel zum Zweck. Wenn, dann bete er für seine Familie, erläuterte etwa Bundestrainer Klinsmann. «Ich würde nie für einen Sieg beten», beantwortete Metzelder eine entsprechende Frage fast schon entrüstet. Und Pfarrer Ulrichs stellt klar: «Das Spiel ist frei. Das ist ein wesentliche Element des Spiels. Wer für den Sieg des eigenen Teams betet, ist sozusagen ein sportlicher Sünder und ein schlechter Theologe.»
 |