Klinsmann nach Remis: Nur der 9. Juni zählt
Leverkusen (dpa) - 31.05.2006, 12:09 Uhr
Bastian Schweinsteiger jubelt nach seinem Ausgleichstreffer gegen Japan.
Augen zu und durch! Jürgen Klinsmann geht mit seinem Hurra-Stil weiter volles Risiko, aber eine Woche vor dem «Tag X» gegen Costa Rica läuft die Zeit immer mehr davon, um auf der Großbaustelle Abwehr wenigstens noch die gravierendsten Mängel zu beheben. Beim ernüchternden 2:2 (0:0) gegen die eingespielten und quirligen Japaner entging die DFB-Auswahl mit ihrer Taktik, die wie schon beim 1:4 in Italien teilweise an Harakiri erinnerte, nur haarscharf einem Stimmungseinbruch im WM-Land. Der Leverkusener Defensiv-Notstand rief sogar den Bundestrainer auf den Plan: «Darüber werden wir intern kritisch diskutieren.» Der Optimismus des Wahl-Amerikaners ist aber ungebrochen, nur die WM zählt für Klinsmann: «Am 9. Juni werden wir sehen, wo wir stehen.» Statt die WM-Elf einzuspielen, wagte der Projektleiter beim vorletzten Test sogar noch einmal neue Experimente: Um nach der Rückkehr von Kapitän Michael Ballack auch dessen Schattenmann Tim Borowski in der Mannschaft zu behalten, beorderte er für den zuvor schwächelnden Arne Friedrich die Notlösung Bernd Schneider nach rechts hinten - eine Maßnahme, für die sich vor allem dessen verunsicherter Nebenmann Per Mertesacker bedanken durfte.
Die extreme Offensiv-Besetzung stieß sogar intern auf Skepsis. «Lehrreich war, dass wir diesen riskanten Spielstil zur Not spielen können», kommentierte Torhüter Jens Lehmann: «Wir sind WM-Gastgeber und irgendwo verpflichtet, auch etwas für die Attraktivität des Spiels zu tun. Aber natürlich steht unter dem Strich der Erfolg.» Borowski und sein Bremer Vereinskollege Torsten Frings fanden als Doppel-Sechser vor der Abwehr nicht zusammen, und Ballack fühlte sich in der ungewohnten Position halbrechts im Mittelfeld unwohl. Weder Abwehr noch Offensive profitierten von den Maßnahmen, es fehlte die Abstimmung. «Wir haben mit einem sehr offensiven Mittelfeld gespielt und die Defensive vernachlässigt», urteilte Ballack. Doch Klinsmann hielt dagegen: «Wir müssen Varianten in der Schublade haben.» |
Wenn aber die Torfabrik Klose/Podolski lahmt, wird es eng. Denn in der Defensive steht nicht die Null, sondern Lehmann ist häufig als Torwart und Libero gleichzeitig gefragt. «Wir hätten fünf oder sechs Tore kriegen können», bemerkte DFB-Präsident Theo Zwanziger besorgt. Dass ausgerechnet der in der Bundesliga als «Chancentod» geltende HSV-Stürmer Naohiro Takahara die Schwächen mit seinem Doppelschlag aufdeckte (57./65.), war bezeichnend. Dass nicht mehr anbrannte, war dem überragenden Lehmann zu verdanken. «Jens hat dazu beigetragen, dass wir mit einem Unentschieden davongekommen sind», so Klinsmann. Nur eine intakte Moral trotz schwerer Beine sowie zwei späte Treffer nach Standardsituationen durch Miroslav Klose (76.) und Bastian Schweinsteiger (80.) verhinderten die zweite Heimniederlage in Klinsmanns Amtszeit. «Kompliment an die Mannschaft, wie sie nach dem 0:2 reagiert hat», lobte der 41-Jährige. Auch wenn für den Bundestrainer allein der 9. Juni zählt, ist der Druck vor der WM-Generalprobe in Mönchengladbach gegen Kolumbien, das den deutschen Gruppengegner Polen mit 2:1 besiegte, wieder größer geworden. «Es ist immer wichtig, dass man den letzten Test mit einem positiven Ergebnis abschließt. Wenn man mit einer Niederlage ins Turnier gehen würde, wäre das nicht gut für die Mannschaft», betonte Ballack. Christoph Metzelder ergänzte: «Wir sind in der Vorbereitung, das Ziel ist das Spiel gegen Costa Rica. Aber es geht auch darum, Tagesaktualität und Ergebnisse vorzuweisen.» Ballack forderte sogar ein Ende der Experimente und eine echte Generalprobe. «Wichtig wird sein, dass wir jetzt gegen Kolumbien die Formation aufbieten, die dann auch anfangen wird», sagte der Kapitän. Sie steht in Mittelfeld (Schneider, Frings, Ballack, Schweinsteiger) und Angriff (Klose/Podolski), aber auch vor Lehmann sind die Fronten praktisch geklärt: Nach dem verpatzten Länderspiel-Comeback von Jens Nowotny, der rein kam und bei beiden Gegentoren eine schlechte Figur machte, sind im Zentrum endgültig Mertesacker/Metzelder erste Wahl. Bis zur Auswechslung von Metzelder, der wieder einen Schlag auf die zuletzt verletzte Wade erhielt, hätte das Duo «immer besser harmoniert», befand Klinsmann. Rechts hinten bleibt der geschonte Friedrich erste Wahl, links hinten könnte Philipp Lahm nach seiner Operation am Ellbogen den Wettlauf gegen die Zeit doch noch gewinnen. Sonst spielt dort Marcell Jansen. Richtig finden, glaubt Vize- Weltmeister Metzelder, wird sich die endgültige WM-Elf ohnehin erst nach dem 9. Juni: «Auch vor vier Jahren hat man gesehen: Die Vorbereitung ist nur ein eingeschränkter Gradmesser. Alle deutschen Mannschaften haben erst im Turnier zueinander gefunden.»
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