Auch nach seinem besten Länderspiel für Deutschland wurde Jens Lehmann wieder mit Oliver Kahn verglichen - dieses Mal aber konnte sich der 36-jährige Wahl-Engländer ehrlich über die Gegenüberstellung freuen.
In bester Kahn-Manier hatte Lehmann im WM-Test in Leverkusen gegen Japan eine Pleite der deutschen Fußball-Nationalmannschaft verhindert, gleich vier Mal entschärfte die neue Nummer 1 herausragende Chancen der Asiaten. Das erinnerte an jene heroischen Taten von Kahn bei der WM 2002, als der Münchner einen überragenden Anteil am Finaleinzug hatte. «Jens war wichtig. Das, was haltbar war, hat er gehalten - und den einen oder anderen Ball noch darüber hinaus», erklärte Kapitän Michael Ballack, angesprochen auf eine Parallele zu Kahns WM-Taten vor vier Jahren in Japan und Südkorea.
«Jens hat eine hervorragende Partie gespielt. Er hat dazu beigetragen, dass wir mit einem Unentschieden davongekommen sind», bestätigte auch Jürgen Klinsmann den besonderen Verdienst von Lehmann gegen die schnellen und ballsicheren Japaner. Der Hauptdarsteller selbst blieb bescheiden: «Das ist mein Job als Torwart.»
Seit Lehmann von Bundestrainer Klinsmann den WM-Job zugesprochen bekommen hat, ist der gebürtige Essener in eine neue Rolle hinein gewachsen - und nimmt sie an. «Ja», er würde jetzt schon anders wahr genommen in Deutschland. Und «ja», er würde jetzt schon eine ganze andere Verantwortung tragen als bei den vier vorangegangenen großen Turnieren als Reservist, bestätigte Lehmann.
Klinsmann hatte bei seiner WM-Entscheidung pro Lehmann und gegen Kahn von einem «Tick» gesprochen, der den Ausschlag für die langjährige Nummer 2 gegeben habe. In der unmittelbaren WM- Vorbereitung ist längst klar geworden, dass dieser «Tick» in Wahrheit für Klinsmann ein großer Abstand war. Lehmann bringt genau jene Stärken mit, die der Bundestrainer in seinem riskanten Spielkonzept unbeding braucht: Der Arsenal-Keeper denkt voraus, er analysiert die Spielzüge, bevor sie zu Ende sind, er muss sogar den «Libero» spielen, wenn es brennt. Darüber hinaus präsentierte Lehmann gegen Japan nun auch eine Eigenschaft, die eigentlich Kahn als große Stärke zugeschrieben war: Er hielt auch «Unhaltbare».
«Die Schwäche, die wir schon ein, zwei Jahre mit uns rumtragen in der Defensive, haben wir heute wieder gesehen gegen einen guten Gegner, der schnell, pass- und ballsicher war», analysierte Ballack das 2:2 gegen WM-Teilnehmer Japan. Lehmann musste diese Schwächen ausbügeln - und er wird dies auch beim Turnier tun müssen. «Natürlich wäre es besser, wenn es in eineinhalb Wochen nicht mehr passiert», sagte der Torhüter. Doch auch er weiß inzwischen, dass er ähnlich Herausragendes wie Kahn 2002 leisten muss, damit Klinsmanns WM- Mission überhaupt eine Chance auf Erfüllung hat.
Für möglich hält dies Lehmann schon: «Zu dem Zeitpunkt war es nicht so schlecht, da wir jetzt wissen, was wir tun müssen.» Dass noch immer an einer idealen Abwehr-Zusammensetzung gebastelt wird, spreche nicht dagegen. «Bei Arsenal haben wir auch mit einer Abwehr sehr gut gespielt, die in der Saison 24 Mal geändert wurde», zog Lehmann den Vergleich zu seinem Club, der in diesem Jahr bis ins Champions League-Finale vorgestoßen war. Die persönliche schwarze Stunde dabei, als er sein riskantes Torwart-Spiel schon in der Anfangsphase mit einer Roten Karte bezahlt hatte, scheint endgültig abgehakt. «Ich fühle mich gut», bemerkte Lehmann, der sogar noch «Luft» nach oben sieht: «Ich weiß nicht, ob ich schon bei 100 Prozent bin.»