Mainz Trainer Jürgen Klopp macht im Mai in einer JVA Werbung für die Fußball-WM.
Stell dir vor, es ist Fußball-WM in Deutschland, du hast eine der heiß begehrten Karten - und bleibst trotzdem draußen. Weil du drinnen bist, im Gefängnis. In der Haftanstalt Rohrbach im rheinland-pfälzischen Wöllstein sitzt so ein Pechvogel.
Fünf Karten hat der 32 Jahre alte Häftling bei der WM-Ticket- Verlosung erhalten. Für Spiele mit Spitzen-Mannschaften wie Brasilien, Argentinien und Italien. «Fast 500 Euro habe ich für die Karten gezahlt», berichtet der Mann. Hinfällig. Ende Januar wurde die Bewährung des langjährigen Drogenabhängigen widerrufen. Weiter verkaufen will er die Karten aber partout nicht. «Lieber hänge ich sie mir an die Wand», sagt er. Um die Spiele zu sehen, bleibt ihm jetzt nur das Fernsehen - so wie den anderen rund 63 600 Strafgefangenen in Deutschland.
Die WM im Fernsehen verfolgen kann heutzutage ein Großteil der Gefangenen. Der überwiegende Teil der Häftlinge hat sogar ein eigenes Gerät in der Zelle. «Dafür findet sich fast immer das Geld», sagt Kerstin Müller von der Haftanstalt Hannover, mit 1000 Insassen das größte Gefängnis Niedersachsens. Die Häftlinge müssen ihren Fernseher jedoch selbst finanzieren. Das fängt beim Gerät an und hört bei den GEZ-Gebühren auf. In der Jugendhaftanstalt ist fernsehen dagegen nur im Gemeinschaftsraum möglich.
Bei den späten Spielen schauen die jungen Straftäter in die Röhre: Die «Einschlusszeiten» liegen lange vor dem Beginn der Partien am Abend. «In der JVA Zeithain hat der Anstaltsleiter darum eine Ausnahmeregelung getroffen», berichtet Martin Marx, Sprecher des sächsischen Justizministeriums. Während der WM dürfen die jungen Strafgefangenen bis Mitternacht im Gemeinschaftsraum fernsehen. «Voraussetzung ist eine beanstandungsfreie Führung», betont Marx.
Erwachsenen Gefangenen, die Arbeit haben, geht es so wie vielen Leuten draußen: Sie verpassen die Spiele am Nachmittag. «Der normale Tagesablauf und damit die Arbeit gehen vor», sagt Niedersachsens Justizsprecherin Jutta Rosendahl. In Baden-Württemberg bietet die JVA Adelsheim den Häftlingen einen besonderen Service: Die Spiele werden aufgezeichnet und über die hauseigene Rundfunkstation weitergeleitet. «Die Gefangenen können sich diese dann in der Freizeit anschauen», sagt Justizminister Ulrich Goll (FDP).
In der Regel sitzt jeder allein in der Zelle vor der Glotze. Denn am Abend bleibt wenig Zeit vor dem Einschluss. Teils geht es um 19.00 Uhr los, Berlin ist mit 22.00 Uhr spät dran. Ob das Gerät danach heiß läuft, entscheidet der Häftling. «Er kann die ganze Nacht durch gucken. Aber allein, und andere stören darf er auch nicht», erklärt die Berliner Justizsprecherin Juliane Baer-Henney.
In Nordrhein-Westfalen zeigen sich einige Gefängnisse flexibel: «Für Gefangene, die keinen eigenen Fernseher haben, wurde eine spezielle Umschluss-Regelung geschaffen», berichtet Frank Blumenkamp, Sprecher des Justizvollzugsamtes. Das heißt, Gefangene können länger als sonst Mithäftlinge mit TV in deren Zelle besuchen. NRW hat bundesweit die meisten Gefangenen, 18 500 sitzen derzeit in 37 Gefängnissen ein. Und die diskutieren genauso über die WM, wie die Menschen draußen. «Viele Gefangene fiebern dem Großereignis entgegen», berichtet Blumenkamp.
Gefangenenzeitungen tragen dem Rechnung: Sowohl in der «Posaune» in Geldern (NRW) als auch in den thüringischen Ausgaben «Abfahrt» (Ichtershausen) oder «Sprachrohr» (Hohenleuben) wurde der Spielplan veröffentlicht. Der «Haftnotiz» in Tonna (Thüringen) konnten die Aufgebote der Teilnehmerländer entnommen werden. Und in Kleve gibt es praktische Übungen: Dort wird parallel zur WM ein Fußball-Turnier ausgespielt.
Später können die Fernsehzuschauer «draußen» dann verfolgen, wie es ist, zur WM «drinnen» zu sein: Für einen Film beobachtet in Sachsen ein Produktionsteam Häftlinge in der JVA Waldheim beim Fernsehen.