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Der Kopf ist nicht nur für Kopfbälle da

Frankfurt/Main (dpa) - 25.05.2006, 13:15 Uhr

Michael Ballack köpft im DFB-Pokalspiel beim FC Erzgebirge Aue einen Ball.
Michael Ballack köpft im DFB-Pokalspiel beim FC Erzgebirge Aue einen Ball.

Kopfballspielen macht nicht dumm. «Es ist für das Gehirn nicht gefährlich», sagt der Tübinger Hirnforscher Hans-Peter Thier.

Kopfballkünstler unter den Fußballern wie Miroslav Klose oder Michael Ballack können also während der Fußball-WM ziemlich unbesorgt zum Ball hechten. Gefährlich könnte es nur werden, wenn der Ball den Kopf unvorbereitet trifft, das runde Leder zu schwer ist oder die Technik nicht stimmt.

«Die auf das Gehirn einwirkenden Beschleunigungen sind bei einem professionell gespielten Kopfball nicht viel größer als bei harmlosen Aktivitäten wie Springen oder Nicken», erklärt Thier. Für die Ballartisten ist das eine eher beruhigende Feststellung, müssen sie doch nicht um den Grips fürchten, den sie auch beim Kicken brauchen: «Es ist das Gehirn, das Spiele gewinnt», sagt der Direktor der Abteilung Kognitive Neurologie des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung in Tübingen.

«Die körperlichen Anforderungen an einen erfolgreichen Fußballspieler sind vielfältig, aber in keinem Falle besonders bemerkenswert», sagt der Wissenschaftler. «Was den guten Fußballspieler auszeichnet, ist vielmehr die Fähigkeit, seinen Körper flexibel und intelligent im Spiel einzusetzen.» Die Voraussetzungen dafür schaffe das Gehirn. «Ich habe es befürchtet, dass man auch mit Kopf Fußball spielen muss», scherzt der Vorstandsvorsitzende des deutschen Fußball-Rekordmeisters Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge. «Ich glaube, man darf den Fußball nicht zu wissenschaftlich sehen.»

Einen guten Torwart zeichnen nach Einschätzung Thiers vor allem Erfahrung und eine gute Beobachtungsgabe aus. Sie versetzten ihn in die Lage, in kritischen Momenten richtig zu entscheiden. «Erfolgreiche Torleute erahnen die vom Elfmeterschützen gewählte Ecke des Tores, indem sie unmittelbar vor dem Schuss ihre volle Aufmerksamkeit dem Gesicht und den Füßen des Schützen widmen.» Diese Körperpartien gäben die entscheidenden Hinweise auf die Schussrichtung des Balles. Die Wahrnehmung der Informationen könne durch Übung und das Studieren von Bewegungsabläufen verbessert werden. Für Jens Lehmann und Oliver Kahn heiße das trainieren, trainieren, trainieren.


«Das erfolgreiche Spiel auf dem Feld erfordert Ballgefühl, Raumverständnis und präzise und verlässliche koordinative Leistungen», sagt Thier. «Das Ballgefühl dürfte Ausdruck der Tatsache sein, dass unser Gehirn Modelle der Wirkung physikalischer Prinzipien erarbeitet, die die Beurteilung von Ballbewegungen und Bewegungen von Mitspielern erleichtern.» Ein Beispiel dafür sei die Schwerkraft: Die meisten Menschen könnten einen Ball, den sie in die Luft geworfen haben, auch wieder auffangen. Andere physikalische Gesetzmäßigkeiten sorgen auf dem Feld dagegen häufig für ein Desaster: Stark angeschnittene Schüsse sind wegen der kaum wahrnehmbaren Rotation des Balles schwer einzuschätzen. «Das erklärt nicht zuletzt die Gefährlichkeit der Bananenflanke.»

«Die vielleicht eindrucksvollste Leistung des Fußballers ist aber seine Fähigkeit, den Ball anzunehmen und wohlbemessen zu bewegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren», sagt Thier. Dies sei nicht zuletzt der Grund, warum Fußballer auch in den nächsten Jahren sich nicht davor fürchten müssten, von menschenähnlichen Robotern besiegt zu werden.

Angst könnten dem Team um Bundestrainer Jürgen Klinsmann bei der WM allerdings die Ballzauberer aus Südamerika machen. Ihnen seien die deutschen Fußballer in Sachen Technik und Motorik «einfach gnadenlos» hinterher, sagt Rummenigge. Dies liege vor allem daran, dass anders als zu seiner Zeit in Deutschland kaum mehr Straßenfußball gespielt werde. «Wir kamen von der Schule nach Hause, dann wurden zack, zack die Hausaufgaben gemacht, und dann wurde jeden Tag trainiert.» Trotzdem traut er der deutschen Mannschaft bei der WM zu, relativ lange im Turnier zu bleiben. «Ich glaube, wir haben eine kleine Chance ins Halbfinale zu kommen.» Auf dem Weg dorthin kann Hans-Peter Thier den Kickern nicht helfen: «Der Hirnforscher kann nichts zur Optimierung des Fußballs beitragen.»

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