Klinsmann braucht «Krieger» bei der WM
Pula (dpa) - 19.05.2006, 15:32 Uhr
Jürgen Klinsmann (r) läuft beim Training mit Christoph Metzelder und Jens Nowotny (m).
Beim Grillabend mit den Familien wurden Teamgeist und Harmonie beschworen, doch auf dem Platz wünscht sich Jürgen Klinsmann einen noch schärferen Konkurrenzkampf. Drei Wochen vor dem WM-Eröffnungsspiel hat der Bundestrainer den Wettstreit innerhalb der deutschen Fußball-Nationalmannschaft um die elf Startplätze gegen Costa Rica als offenes Rennen bezeichnet und die vermeintlichen Reservisten zu mehr Druck auf die etablierten Kräfte angestachelt. «Wenn es morgen losginge, hätten wir eine Mannschaft im Kopf, aber am 9. Juni kann sie anders aussehen», sagte Klinsmann und kündigte für das scharfe Trainingslager nach dem Umzug von Sardinien an den Genfer See an diesem Wochenende eine härtere Gangart an. «Jeder muss sich an sein bestmögliches Niveau heranführen. Spieler, die denken, sie sind im zweiten Glied, haben die Aufgabe, denjenigen, der von ihnen sitzt, zu kitzeln und zu fordern. Das muss ein Leistungswettkampf werden über die gesamte WM hinweg. Da kann keiner auch nur einen Moment relaxen», beschrieb der Bundestrainer seine Erwartungshaltung. Hinter den unumstrittenen Stammkräften wie Michael Ballack, Jens Lehmann oder Miroslav Klose soll sich keiner sicher fühlen. «Jede Trainingseinheit wird mit höchster Intensität gefahren. Und wir werden auch interne Testspiele machen», kündigte der 41-Jährige an.
Klinsmann weiß, dass nur mit urdeutschen Tugenden wie Rennen, Kämpfen, Willenskraft und einem überragenden Teamgeist die größere fußballerische Klasse von Titelanwärtern wie Brasilien, Italien oder Argentinien ausgeglichen werden kann. «Wir haben keine Mannschaft wie Brasilien, die mit 20 Individualisten bestückt ist. Wir können nur etwas reißen, wenn alle zusammen halten», sagte er. Kapitän Michael Ballack sieht das genauso. «Es gibt einfach Nationen, die weiter sind als wir, die bessere Fußballer haben. Aber gerade bei Weltmeisterschaften waren wir Deutschen immer als Mannschaft da. Und da ist der Teamgeist ganz, ganz wichtig für uns», sagte der künftige Londoner. Das Sieger-Gen Teamspirit wird den Nationalspielern täglich eingeimpft, wobei die US-Fitnesstrainer um Mark Verstegen und der Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann die Vorreiterrolle übernehmen. «Es ist einiges anders als früher», hat Jens Nowotny festgestellt, der nach zwei Jahren ins Nationalteam zurückgekehrt ist. «Besonders augenfällig wird das bei dem amerikanischen Trainerteam. Da wird der Teamgeist noch mehr beschworen», bemerkte der 32-jährige Routinier. Nicht nur Englisch ist durch Verstegens Fitness-Truppe zur zweiten Amtssprache der Nationalmannschaft geworden, sondern auch die gemeinsamen Schlachtrufe auf dem Platz sind inzwischen Rituale. «Wir brauchen Krieger bei der WM», bemerkte einer aus dem Fitness-Stab. |
Klinsmann setzt alles auf die Karte Vorbereitung. «Wir glauben, dass wir die Möglichkeiten haben, wenn wir aggressiver sind als die Gegner, wenn wir lauffreudiger sind und mit viel Leidenschaft, Engagement und dem Heimvorteil in die WM reingehen.» Die Elf soll brennen und vom 9. Juni an möglichst in sieben Spielen als Kollektiv zuschlagen. «Der Teamgeist ist das Fundament unseres Erfolges. Es ist einer der Hauptgründe, warum wir auch die Familien hier in Sardinien dazu gebeten haben. Wenn der Teamgeist stimmt und jeder auch von der Fitness auf einem Top-Level ist - und dafür werden wir sorgen -, gibt das Selbstbewusstsein und ein Gefühl der Stärke.» Die wahre Stärke des deutschen WM-Kaders ist aber selbst in den eigenen Reihen mit einem Fragezeichen versehen. Auch der Kapitän ist weiterhin gespalten, schwankt zwischen Hoffnung und Skepsis. «Unsere Vorrundengegner haben zwar nicht den Namen, aber ich warne vor ihnen: Wir sind noch nicht so stark und dürfen nicht so überheblich sein zu sagen, wir hauen die mal locker weg. Dafür haben wir zu schwankende Leistungen in den vergangenen Monaten gezeigt», betonte Ballack 21 Tage vor dem Ernstfall gegen Costa Rica. «Trotzdem sind wir in der Lage, auch souveräne Siege gegen solche Mannschaften einzufahren. Das müssen wir anstreben, dass wir ein gewisses Selbstvertrauen aufbauen, um dann in die nächsten Runden mit Schwung zu gehen, das Publikum uns trägt und wir weit kommen.»
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