Die Terrasse des Kempinski-Hotels Falkenstein in Königstein.
Eine Copacabana-Wiese mit Caipirinha-Bar, Beachsoccer und Bühnenshows: Königstein, bei der Fußball-WM Gastgeber des brasilianischen Nationalteams, bittet im Sommer zur Samba und bereitet jetzt den (Tanz-)Boden für den größten Ansturm der Gemeindegeschichte.
Eine halbe Million Euro gibt das Taunusstädtchen für Vermarktung, Kultur und Betreuung von Medien und Touristen aus. «Königstein saúda o Brasil» (Königstein begrüßt Brasilien) heißt ein Ausschuss, der ein 83-seitiges Konzept erstellt hat. Sogar in den Kirchen sollten nach dem Willen einiger Ratsherren Leinwände aufgestellt werden, um die Spiele von Ronaldinho, Ronaldo und Co. live verfolgen zu können. Doch in Deutschland ist Fußball noch keine Religion. «Da mach' ich nicht mit», sagt nicht nur Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer von der evangelischen Immanuel-Gemeinde.
Die Seleção logiert zum WM-Auftakt vom 4. bis 16. Juni im Hotel Kempinski Falkenstein. In der Drogerie der kleinen Fußgängerzone des Kurorts gibt's brasilianische Fähnchen für 99 Cent, im Blumengeschäft wachsen Primeln aus kunstvoll angefertigten Kickstiefeln aus Naturmaterialien und der Buchhändler reibt sich schon die Hände: «Das wird ein zweites Weihnachtsgeschäft», sagt Thomas Schwenk und rätselt wie so mancher Mitbürger, wie viele Fußball-Begeisterte wohl in Königstein einfallen werden, um einen Blick auf die Stars aus Südamerika zu erhaschen. «Das wird ein Chaos», prophezeit er für den 16 000-Einwohner-Ort und strahlt übers ganze Gesicht: «Ein schönes Chaos.»
Bürgermeister Siegfried Fricke, 1976 Olympia-Dritter im Ruder-Vierer mit Steuermann, wird zum Ende seiner Amtszeit nochmal zur Höchstform auflaufen müssen. «Wir rechnen mit 3000 bis 5000 Besuchern pro Tag, in der Spitze mit bis zu 10 000», sagt er. «Für die Stadt ist das eine Möglichkeit in nie da gewesenem Umfang, sich darzustellen. Wir sind jetzt schon zwei bis drei Mal in der Woche im brasilianischen Fernsehen», sagt das Oberhaupt der Stadt mit der höchsten Millionärs-Dichte in Deutschland (97 von 10 000 steuerpflichtigen Bürger).
Möglicherweise gibt es für Königstein sogar eine zweite Halbzeit: Die Brasilianer, die mit einer 50- bis 60-köpfigen Delegation von Spielern, Betreuern und Funktionären anreisen werden, haben noch eine Optionsbuchung in ihrem Fünf-Sterne-Superior-Hotel getätigt - vom 28. Juni bis 3. Juli, falls sie ihr Viertelfinale in Frankfurt bestreiten. Hoteldirektor Cyrus Heydarian hat bereits so viele Interviews gegeben, dass er eine Frage ungestellt selbst beantwortet: «Sie wollen es bestimmt auch wissen, aber ich kann ihnen versichern: Wir haben den Brasilianern nichts dafür bezahlt, dass sie hier wohnen werden.»
Den hoch bezahlten Profis will er mit «vielen, kleinen Überraschungen» den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Von der Terrasse ihres WM-Quartiers sieht die Mannschaft von Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira übrigens die 25 Kilometer entfernte Skyline von Frankfurt. Von den 140 Hotel-Angestellten werden auch bei der WM einige im Urlaub sein. «Widerwillig», wie Heydarain sagt, aber es soll ja niemand den Kickern auf den hoch versicherten Füßen herumtreten.
Auch die Nobelunterkünfte in der Umgebung werden etwas vom Glanz des fünfmaligen Weltmeisters abbekommen: Im Schlosshotel Kronberg, berichtet Fricke, wollen sich bis zu 40 Familienmitglieder von Superstar Ronaldinho einquartieren. Die Sicherheitsvorkehrungen werden massiv sein, die Straßen zum Teilort Falkenstein während des Aufenthalts der Südamerikaner gesperrt. Das öffentliche Training findet voraussichtlich in Mainz statt. «Es kann ja nicht funktionieren, dass an unserem Sportplatz die doppelte Zahl der Bevölkerung von Königstein steht», erklärt Fricke.
Ob der Bürgermeister oder sein bereits gewählter Nachfolger Leonhard Helm den populären Ballkünstlern überhaupt ein Mal die Hand schütteln dürfen, ist ungewiss. «Als wir einen Empfang angeboten haben, haben sie gleich gesagt: Bitte plant uns mal für nichts fest ein», sagt Fricke. «Wir haben ihnen eine ganze Liste mit Vorschlägen erstellt, zum Beispiel ein mittelalterliches Burgfest. Mal abwarten, wie sie reagieren.»