Gut 9000 WM-Karten haben die Veranstalter Italien erst mal zugewiesen, rund ein Drittel fällt auf jedes Vorrundenspiel, gegen Ghana, die USA und Tschechien. Den Löwenanteil haben sich die in Deutschland lebenden Italiener ergattert, heißt es in Rom. «Die italienischen Tifosi sind keine großen Fan-Touristen. Fußball ist hier zum Fernsehsport geworden», meint ein römischer Experte. Apropos Calcio und Fernsehen. Hier gilt der Spruch: Berlusconi gewinnt immer. Schließlich besitzt die Familie des Ministerpräsidenten die drei größten TV-Privatsender im Land, und die setzen ganz groß auf eine Programmsparte: Fußballübertragungen. Das Geschäft blüht. So kann der staatliche RAI-Sender erstmals nicht alle WM-Spiele übertragen. Sky-TV hat sich Rechte gesichert, der Sender gehört dem Australier Rupert Murdoch, Berlusconi hatte diesmal das Nachsehen. Keinerlei Kritik gibt es dagegen an einer anderen Errungenschaft Berlusconis: Der Medienmann hat die Mentalität des Catenaccio-Fußball in Italien abgeschafft. In den 80er Jahren langweilten italienische Teams mit einem höchst effektiven, aber trostlosen Minimal-Fußball: Sie mauerten ohne Ende, lauerten auf eine Konterchance, und wenn sie 1:0 in Führung waren, wurde hinten «dicht gemacht». Solch langweilige Vorstellungen ließen sich nicht mit Berlusconis Kommerz-Ideen vereinbaren. «Berlusconi erfand eine völlig neue Ästhetik des Calcio als fundamentaler Teil einer Unterhaltungsindustrie», heißt es in Fachkreisen. Spannender Tempo- und Offensiv-Fußball trug zum kommerziellen TV-Erfolg bei, die Einnahmen wiederum ermöglichten den Ankauf der teuersten und besten Stars - die Seria A in Italien gehört neben Spanien und England zu den stärkste Ligen der Welt. Starke Einschränkung: Die Serie A ist hoch verschuldet. Wie gut, dass es da Berlusconi gibt, dessen Regierung für eine Stundung der Steuerschulden gesorgt hat. Die Stärke des italienischen Fußballs hat kürzlich erst wieder Rudi Völler gerühmt, der lange Zeit für den AS Rom Tore schoss und noch heute als einer der beliebtesten Deutschen in Italien gilt. Deutsche Fußball-Legionäre gab es reihenweise, die Ahnenreihe reicht von Karl-Heinz Schnellinger bis Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann. Damals konnten die deutschen Kicker noch locker mit den Italienern mithalten - immerhin, Trainer Lippi zählt ja freundlichkeitshalber auch Deutschland zu den WM-Favoriten.
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