Das mit freundlichem Applaus begrüßte deutsche Team zeigte zunächst die von Klinsmann geforderte Reaktion, ging entschlossen und mit viel Biss in die Zweikämpfe. Doch als das erhoffte frühe Führungstor trotz des druckvollen Spiels ausblieb, kehrte schon bald wieder jene Verunsicherung in die Aktionen zurück, die schon in Italien spürbar geworden war. Zudem erwies sich das erstmals praktizierte 4-2-1-3 System mit Bernd Schneider und Sebastian Kehl als doppelte Absicherung vor der Vierer-Abwehrkette und drei Spitzen gegen die schnell kombinierenden US-Boys als wenig probates Mittel. Mit ihrer fehlenden Abstimmung unterstrich die Defensive sogar einmal mehr, dass sie in dieser Besetzung in einem großen Turnier kaum wettbewerbsfähig ist. Die Schnitzer wären von einer treffsichereren Mannschaft als dem nicht in stärkster Besetzung angetretenen Weltranglisten-Fünften vermutlich bestraft worden. Als Achillesferse im Abwehrverbund entpuppte sich Per Mertesacker, der der Aufgabe auch nervlich nicht gewachsen schien. Der Dortmunder Christoph Metzelder, erstmals seit dem 1:0-Sieg gegen die USA im WM-Viertelfinale 2002 wieder gemeinsam mit seinem Clubkollegen Kehl in der deutschen Startelf, rechtfertigte das in ihn gesetzte Vertrauen und sorgte immerhin für ein wenig Stabilität in den hinteren Reihen. Bei seinem ersten Einsatz in der Ära Klinsmann war Kehl stark in der Balleroberung, zeigte aber Defizite in der Spieleröffnung und dürfte den verletzt fehlenden Torsten Frings nicht aus der Stammelf verdrängen können. In der Schaltzentrale des deutschen Spiels bemühte sich Ballack um Linie und Ordnung, doch war der Kapitän bei seinen Aktionen meist auf sich allein gestellt. Wie schon mehrfach in Krisenzeiten erwies sich die Dortmunder Arena, am 14. Juni gegen Polen Schauplatz des zweiten deutschen WM- Spiels, erneut als gutes Pflaster für das Team, das den ersatzgeschwächten Gegner schnell unter Druck setzte. Nach der ersten gelungenen Kombination über Ballack und Klose setzte Lukas Podolski die Hereingabe des Bremers knapp neben das Tor von Gladbachs Keeper Kasey Keller (12.), eine Minute später zielte Ballack bei seinem Kopfball nach Flanke von Arne Friedrich ebenfalls haarscharf vorbei. Damit hatte das DFB-Team sein Pulver für die erste Hälfte aber auch schon verschossen. Die Aktionen wurden von Minute zu Minute konzept- und hilfloser. Bewies das Publikum angesichts der sich häufenden Fehlpässe im Klinsmann-Team zunächst noch Geduld, so hallten nach gut einer halben Stunde doch erste Pfiffe und Sprechchöre «Wir wollen euch kämpfen sehen» durchs Stadion. Mit einer Rückkehr zum bewährten 4-3-3 und der Einwechslung von Schweinsteiger für Podolski reagierte Klinsmann auf die zunehmende Konfusion im deutschen Spiel und wurde schon 45 Sekunden nach Wiederbeginn für seine Maßnahme belohnt. Der Münchner zirkelte einen Freistoß von der linken Seite vor das US-Tor, der von Freund und Feind unberührt am überraschten Keller vorbei ins Netz flog. Für Schweinsteiger war es im 25. Länderspiel das fünfte Tor und das erste seit dem 4:3 über Mexiko beim letztjährigen Turnier um den Confed- Cup. Doch erst das zweite Joker-Tor durch Neuville sorgte für klare Verhältnisse.
 |