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WM ist in Argentinien ein TV-Festival

Buenos Aires (dpa) - 07.03.2006, 11:45 Uhr

Bei einem Testspiel kämpfen Argentiniens Tevez (r) und der Kroate Babic um den Ball.
Bei einem Testspiel kämpfen Argentiniens Tevez (r) und der Kroate Babic um den Ball.

Fußball ist auch in Argentinien ein Sport, der Millionen bewegt, jedoch immer öfter Pesos statt Menschen. Zwar ist Fußball weiter unbestritten der Nationalsport Nummer eins, aber immer mehr Menschen flüchten aus den Stadien in den heimischen Fernsehsessel.

Der Grund sind heruntergekommene Anlagen, Gewalt und immer bessere TV-Übertragungen. «Im Stadion pinkeln sie Dir von den oberen Rängen auf den Kopf, vorm Fernseher kannst Du selbst mal zwischendurch aufs Klo und fünf Spiele an einem Sonntag sehen», bringt es ein Fan drastisch auf den Punkt. Schätzungsweise drei Millionen Haushalte haben sich nur wegen der Fußballübertragungen einen Kabelanschluss ins Haus legen lassen und spülen den Fernsehsendern damit viel Geld in die Kassen.

Für die allermeisten Argentinier wird die Weltmeisterschaft in Deutschland ohnehin ein reines Fernsehereignis. Der Weg ist für die Fans des zweimaligen Weltmeisters einfach zu weit und der Preis zu hoch. Dem Abschneiden ihrer eigenen Elf sehen die fußballverrückten Argentinier dabei relativ gelassen entgegen. Die Erwartungen sind vor allem nach der 2:3-Niederlage in Basel im Testspiel gegen Kroatien eher gedämpft.

«Wenn es gut läuft bei der WM, werden natürlich alle aus dem Häuschen sein. Wenn es uns aber wie beim letzten Mal wieder früh raushauen sollte, wird ein bisschen gejammert und dann wendet sich jeder wieder dem eigenen Verein zu», ist sich ein Anhänger von Racing Buenos Aires sicher. Die emotionale Bindung an die Nationalkicker sei ohnehin nicht sehr stark, weil viele der Spieler als Legionäre ihr Geld seit Jahren im Ausland verdienten.

Julio Grondonas Tage als Präsident des nationalen Fußballverbandes AFA könnten nach einem weiteren Reinfall jedoch endgültig gezählt sein. Und auch die Politik ist immer sehr am Fußball interessiert. Am krassesten war das 1978, als die Militärjunta mit der WM im eigenen Land geschickt von Folter und Mord an tausenden Regimegegnern ablenkte. Ein Betrug, für den sich viele, die über den damaligen WM- Sieg jubelten, bis heute schämen.


Die krassen Einkommensunterschiede in Argentinien spiegeln sich auch im Fußball wieder. Während in wohlhabenderen Kreisen fast nur noch so genannter Salon-Fußball gespielt wird, kicken die Armen auf Staubplätzen nicht selten mit einem aus Lumpen zusammengeknoteten Ball. Welten liegen zwischen den gepflegten und teuren Anlagen mit angeschlossener Bar und den Bolzplätzen am Rande von Slums und Müllhalden. Außerhalb des Molochs von Buenos Aires, wo etwa 13 Millionen der insgesamt 37,5 Millionen Argentinier leben, ist Fußball jedoch noch eher Volkssport wie früher.

Stadtteil-Clubs und informelle Gruppen treffen sich dort noch zum typischen Sonntagsturnier. Immer öfter wird jedoch nicht nur um die Ehre sondern auch um einen Geldpreis gespielt. Jeder Teilnehmer zahlt am Anfang einen festgesetzten Betrag in den Preistopf, der dann dem Sieger des Turniers winkt. Beim Endspiel am Abend sind dann aber oft Zuschauer und Spieler vom vielen Wein und Marihuana benebelt. Statt beim Elfmeterschießen fällt die Entscheidung über den Turniersieg und das Preisgeld nicht selten bei einer Massenprügelei. Gefährdet sind vor allem die Schiedsrichter, die Polizei greift nur in extremen Fällen ein.

Kritische Berichte in den Medien über die WM-Vorbereitungen und die Stadien in Deutschland erscheinen den meisten Argentiniern deshalb wie Nachrichten von einem anderen Stern. «Ein sichereres WM- Land als Deutschland kann man sich kaum vorstellen. Die Stadien erscheinen vielen wie Weltwunder», sagt ein Fußballkenner. Auch das Bild von den Deutschen dürfte sich etwas aktualisieren. Die «Alemanes» gelten bei vielen als gefühlskalt, rigide und stur. Die WM-Berichte aus Deutschland sind eine Chance, dieses Bild zu verändern.

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