Mit einer Dauer-Party und dem prallen Leben auf St. Pauli will Hamburg während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zum «Woodstock des Fußballs» werden. Fünf Spiele werden in der Hansestadt ausgerichtet.
Als Anziehungspunkt soll direkt neben der weltweit bekannten sündigen Meile, der Reeperbahn, ein WM-Dorf entstehen, in dem vier Wochen lang gefeiert wird. «Auf dem Heiligengeistfeld wird eine Stimmung wie einst beim legendären Musikfestival Woodstock 1969 in Amerika herrschen», schwärmt Sportamtsleister Hans-Jürgen Schulke, der auch Vorsitzender des Arbeitskreises WM 2006 in der Sportministerkonferenz ist.
«Im Pflichtenbuch des Weltverbandes FIFA ist alles reglementiert, sogar welche drei Grassorten im Verhältnis zueinander gesät werden müssen», meint Schulke, der sich auf die Gestaltung außerhalb der Fußball-Arena konzentriert. Bis zu 60 000 Besucher täglich können im WM-Dorf auf 140 bis 200 Quadratmeter großen Video-Leinwänden das Geschehen um «das runde Leder» verfolgen, denn viele werden auch ohne Eintrittskarten anreisen. So soll es auf dem so genannten «Marktplatz des Fußballs» Tauschbörsen, Internet-Cafés, Karussells und kulturelle Programme geben. Im benachbarten St.-Pauli-Stadion sind Fußball-Turniere für sportliche Touristen und Fan-Clubs geplant.
Auch die AOL-Arena, die werbefrei als «Hamburg-Arena» an die FIFA übergeben werden muss, wird bis dahin aufpoliert. «Wir müssen noch kosmetische Veränderungen vornehmen», sagt Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV. Die Renovierung der Park- und Trainingsplätze, des VIP- und Presse-Bereichs sowie ein gefordertes elektronisches Ticket-Einlass-System für die 50 000 Zuschauer pro Spiel kosten den Bundesligisten insgesamt rund acht Millionen Euro. Die Stadt Hamburg hat drei Millionen beigesteuert, außerdem fließen 15 Prozent aus den Ticketeinnahmen der fünf WM-Spiele in Hamburg an den HSV zurück.
«Die WM wird uns eine rote Null bescheren. Aber was sie an Image-Gewinn für den HSV und die Stadt einbringt, dafür lohnt sich der Einsatz allemal», betont Hoffmann. Ständig würde die FIFA die Anforderungen auf den neuesten Stand bringen, so sei jüngst die Auflage erteilt worden, einen zweiten Stromkreislauf mittels Generatoren für jedes der zwölf WM-Stadien zu schalten - damit es nicht zum peinlichen Stromausfall wie beim Bundesliga-Auftakt zwischen Werder Bremen und Schalke 04 kommt. Als Probelauf für den Ernstfall ist den Hanseaten das Länderspiel am 12. Oktober gegen China oder Japan willkommen.
Was die Infrastruktur in der Hansestadt betrifft, ist die WM auch ein Prüfstein für eine mögliche erneute Olympia-Bewerbung. Die Hamburg-Tourismus GmbH bereitet sich bereits seit zwei Jahren auf das sportliche Großereignis vor. Wenn für die vier Vorrundenspiele und ein Viertelfinale rund 220 000 Karten verkauft werden, könnte das 380 000 zusätzliche Übernachtungen bedeuten, meinte der Hamburg-Tourismus-Geschäftsführer Dietrich von Albedyll.
Albedyll erwartet aber auch Effekte, die nicht willkommen sind. «Ich glaube, dass der normale Tourismus darunter leidet.» Viele Reisende würden die Zeit der WM meiden, weil sie höhere Preise und volle Städte befürchten. Albedyll rechnet für das Jahr 2006 mit einer Steigerung der Übernachtungszahlen um rund fünf Prozent. 2004 lag die absolute Zahl nach einer Schätzung knapp unter sechs Millionen. Der Tourismus-Geschäftsführer bedauerte, dass sein Unternehmen keine Komplett-Angebote mit Stadtführungen, kulturellen Veranstaltungen und Eintrittskarten für WM-Spiele anbieten kann.
Albedyll rechnet vor allem mit einem großen Interesse von asiatischen Fans. «Die Chinesen sind verrückt nach Fußball.» Das habe er gerade bei der Tourismusmesse in Schanghai erfahren. Mit Blick auf die ausländischen Gäste soll in der Stadt eine Freundlichkeitskampagne, angelehnt an die bisherige Aktion «Ein Lächeln für Hamburg», gestartet werden.