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WM-Stadt Gelsenkirchen: Kohle, Stahl und Fußball

Gelsenkirchen (dpa) - 16.08.2005, 12:11 Uhr

Blick von der Halde Rungenberg im Stadtteil Gelsenkirchen-Buer auf die Siedlung Schüngelberg.
Blick von der Halde Rungenberg im Stadtteil Gelsenkirchen-Buer auf die Siedlung Schüngelberg.

Kohle, Stahl und Fußball - darum drehte sich Jahrzehnte lang alles in Gelsenkirchen. Trotz einer mittelalterlichen Vorgeschichte ist die urkundlich erstmals im Jahr 1150 erwähnte Stadt im Herzen des Ruhrgebiets vor allem ein Produkt des Industriezeitalters.

Erst als Mitte des 19. Jahrhunderts die Kohle - das Schwarze Gold - entdeckt wurde, begann mit dem Aufbau der Montanindustrie der rasante Aufstieg des einst dünn besiedelten Landstrichs. Zechen, Schlote und Kühltürme prägten fortan das Stadtbild bis weit in das 20. Jahrhundert hinein - Kohle und Stahl gaben den Menschen Arbeit.

Mit dem Aussterben der Zechen - längst gibt es in Gelsenkirchen keinen Untertageabbau mehr - verloren Zigtausende in den vergangenen Jahrzehnten ihren Job. Der Strukturwandel im Revier gestaltete sich nirgendwo so schwierig wie in Gelsenkirchen. Erfolge stellten sich nur schleppend ein. Inzwischen rühmt sich Gelsenkirchen einer «breit gefächerten Wirtschaft»: Mineralölverarbeitung, Elektrizität, Fernwärme und Wasserwirtschaft mit zukunftsorientierten Technologien gelten als «Energiespender» und «Impulsgeber» der gesamten Region an Emscher, Lippe und Ruhr.

Und tatsächlich haben sich in Gelsenkirchen, neben Dortmund und Köln einziger nordrhein-westfälischer Austragungsort von Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, viele zukunftsträchtige Unternehmen angesiedelt. Insbesondere bei der Entwicklung und Erforschung von Einsatzmöglichkeiten der Solarenergie sowie der Produktion von photovoltaischen Dach- und Fassadenelementen gehört die Revierstadt zu den führenden Zentren Europas. «Solarstadt Gelsenkirchen» heißt ein Projekt von Stadt und «Wissenschaftspark», der in den vergangenen Jahren auf dem Gelände eines ehemaligen Gussstahlwerkes entstanden ist. Markenzeichen des Wissenschaftsparks ist eine 300 Meter lange Glasarkade, die abends dank des amerikanischen Lichtkünstlers Dan Flavin in blau-grünem Licht erstrahlt.

Trotz derlei Anstrengungen türmen sich die Probleme in der mit rund 350 Millionen Euro verschuldeten Stadt. Große Sorgen macht vor allem die in Folge von Hartz IV auf 26,4 Prozent hoch geschnellte Arbeitslosenquote - die höchste in einer deutschen Großstadt. «Die Quote ist in der Tat dramatisch», sagt Oberbürgermeister Frank Baranowski. «Die Zahlen zeigen jetzt schonungslos den wahren und unverschleierten Stand der Arbeitslosigkeit», so der SPD-Politiker, der sich aber tapfer gegen «eine depressive Stimmung» wehrt. Den Strukturwandel will er weiter voran treiben: «Diese Stadt ist nicht tot. Wir sind nicht abgeschrieben.»


Für die Gelsenkirchener spielt seit jeher der Fußball eine zentrale Rolle. Vor allem der Traditionsverein FC Schalke 04, der im Vorjahr seinen 100. Geburtstag feierte, ist für die Menschen Lebenselixier. Die Fans zeichnen sich aus durch unglaubliche Treue, sie folgen den «Knappen» bei internationalen Spielen selbst in entlegene Winkel Europas und opfern dafür oft ihren letzten Cent. Wohl nirgendwo sonst ist die Verbindung zwischen Fan und Verein so eng wie «auf Schalke».

So hat es Gelsenkirchen allein dem FC Schalke zu verdanken, dass die Stadt als WM-Spielort ausgesucht wurde. Zwischen dem 9. Juni und dem 1. Juli 2006 werden hier vier WM-Gruppenspiele und ein Viertelfinale stattfinden. «Die Arena wird eine Perle der WM sein», schwärmte Markus Siegler, Sprecher des Fußball-Weltverbands FIFA, nach der Inspektion des Stadions. Und der für Sicherheitsfragen zuständige FIFA-Direktor Walter Gagg lobte: «Ich kenne in der ganzen Welt nur zwei Stadien, die in punkto Sicherheit der Arena ebenbürtig sind: Der Sapporo Dome und das Stadion in Detroit.»

Für die WM wird die Stadt herausgeputzt, an einem bunten Rahmenprogramm für die Gäste aus aller Welt wird fieberhaft gearbeitet. Auch die Verkehrsinfrastruktur rund um die Arena wird optimiert. Neue Zufahrtswege und Ampelanlagen entstehen. Die Anbindung des Stadions an die Autobahnen A 42 und A 2 wird verbessert. Die Baukosten für alle Maßnahmen betragen 2,5 Millionen Euro. 80 Prozent trägt das Land Nordrhein-Westfalen, den Rest muss die Stadt aufbringen. Unter dem Motto «100% Fußballfieber» wirbt Gelsenkirchen an über 100 Stellen in beleuchteten Schaukästen mit großen Plakaten für die WM. Auf den «City-Light-Postern» ist fast in Lebensgröße Schalkes Nationalspieler Gerald Asamoah zu sehen. Einen besseren Werbeträger als den stets gut gelaunten und strahlenden Fußball-Profi hätte man wahrlich nicht finden können.

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