Bochums Dariusz Wosz (l) und Aachens Willi Landgraf feiern gemeinsam den Aufstieg.
Sekunden nach dem Abpfiff gab es die ersten Sektfontänen, dazu die obligatorischen Bierduschen aus überdimensionalen Gläsern.
Eine Horde wild gewordener Bochumer zog blitzschnell T-Shirts mit dem Aufdruck «Rekordwiederaufsteiger» über, alle lagen sich in den Armen, der Aachener Tivoli wurde zum größten Freiluft-Partytempel Deutschlands. Die Fischer-Chöre wären vor Neid erblasst, als 20 632 Enthusiasten in Schwarz-Gelb und Blau-Weiß den Aufstiegs-Evergreen «Nie mehr zweite Liga» anstimmten. Freudetrunken und weithin vernehmbar ließen es Fußballprofis und Fans von Alemannia Aachen und des VfL Bochum alle wissen: Bundesliga, wir kommen.
Aachen musste 36 Jahre auf den Aufstieg warten, der VfL reparierte den Betriebsunfall des fünften Abstiegs zum fünften Mal umgehend. «Wenn hier die Post abgeht, kann ich auch mal die Sau raus lassen», schloss sich der sonst so schweizerisch-sachliche Bochumer Chefcoach Marcel Koller dem überschwänglichen Jubel an. Koller, mit dem 1. FC Köln 2004 abgestiegen, roch im Kabinengang intensiv nach Bier und Sekt. Er bekam als «Vater» des Bochumer Aufstiegs den meisten Alkohol ab, ohne sich daran zu stören. Der 45-Jährige ließ sich nach der Kölner Schmach von 2004 einfach feiern. «Das zeigt Fußball- Deutschland, dass ich doch was kann», sagte er laut lachend.
Trotz aller Euphorie gab es unmittelbare Sachlichkeit. «Jetzt geht die Arbeit los. Wir müssen im Rahmen unseres Etats Leute finden, die zu uns passen», nannte Bochums neuer Manager Stefan Kuntz die wichtigste Aufgabe. Und Koller war sich mit seinem Aachener Kollegen Dieter Hecking einig über das nächste Saisonziel: «Drinbleiben. Wir in Bochum müssen dieses Auf und Ab stoppen.» Der VfL will sich wieder den Nimbus der einst «Unabsteigbaren» erarbeiten. Kuntz: «Wir möchten mit dem nächsten Wiederaufstieg schon noch eine lange Zeit warten.» Und dann gab es noch ein dickes Lob für den Trainer: «Marcel Koller hat eine tolle Truppe zusammen gebastelt.»
Dariusz Wosz, der den vierten Aufstieg miterlebte, erinnerte sich in der Stunde des Sieges an die schlimmen Zeiten des Jahres 2005, als aus dem UEFA-Cup-Starter Bochum ein Absteiger wurde: «Der letzte Abstieg war bitter, wir hatten viel zu schlucken.» Jetzt wollen sie «endlich mal ein paar Jahre drin bleiben». Koller muss dabei ohne den 36-jährigen Wosz planen, der an sein Karriereende denkt: «Für die zweite Liga würde es noch reichen.» Aber nicht für mehr. Dessen war er sich bewusst, als er Arm in Arm mit Aachens «Oldie» Willi Landgraf auf dem Rasen saß und sich einen Schluck Sekt gönnte.
Rund um das Ruhrstadion wollen sie keine grundlegenden Veränderungen, der VfL soll als eigenständige Marke die Bundesliga so erfrischen wie 2004 unter Trainer Peter Neururer. Damals wurde der Club von der Castroper Straße «Reviermeister» und ließ als Bundesliga-Fünfter die Konkurrenz aus Dortmund und Schalke hinter sich. «Wir sind eine große Familie», brachte der ehemalige Bochumer Torjäger Kuntz nach den Tivoli-Toren von Tommy Bechmann (13.) und Zvjezdan Misimovic (83.) ein Geheimnis für alte VfL-Erfolge nachhaltig wieder in Erinnerung. Christoph Dabrowski von Hannover 96 ist als neues Familienmitglied bereits verpflichtet, weitere Kandidaten sind die Berliner Oliver Schröder und Thorben Marx.
Am frühen Morgen sind die Bochumer Rückkehrer von ihren Fans mit einem «kleinen Bahnhof» in Empfang genommen worden. Eine Hundertschaft VfL-Anhänger fand sich gegen 01.30 Uhr ein, um die Mannschaft in Bochum willkommen zu heißen.
Zuvor hatten etwa 250 Fans der Blau-Weißen in der Vereinskneipe «8zehn48» im Bochumer Stadioncenter zusammen mit dem ehemaligen Stammtorhüter Rein van Duijnhoven die Fernsehübertragung aus Aachen verfolgt. «Wir steigen auf, wir steigen ab, und zwischendurch UEFA- Cup», erinnerten die Fans mit Gesangseinlagen an die wechselvolle Saison 2004/2005, als der Revier-Club für den Europapokal qualifiziert war, am Ende der Spielzeit die 1. Liga aber verlassen musste.
Mannschaft und Verantwortliche feierten den Aufstieg nach ihrer Busreise von Aachen zurück in das Ruhrgebiet im Bochumer Restaurant «Tierpark's». In der Stadt blieb es während der Nacht ruhig.