Portugiesen mit riesigem Optimismus vor dem Finale
Lissabon (dpa) - 02.07.2004, 15:47 Uhr
Luiz Felipe Scolari reckt die Siegerfaust gen Himmel.
Das Land ist im Fußball-Rausch, die Spieler nur noch einen Schritt von der Unsterblichkeit entfernt, und der Gegner kommt wie gerufen: Griechenlands Einzug ins EM-Finale passt so richtig ins portugiesische Drehbuch von der perfekten Fußball-Krönung.
Denn einen passenderen Kontrahenten im Endspiel hätte es für das im Ausnahmezustand stehende Gastgeber-Land nicht geben können als Otto Rehhagels Hellenen, gegen die sie im Eröffnungsspiel mit 1:2 die einzige Niederlage des Turniers erlitten hatten. «Wir können die Rechnung begleichen», titelte «A Bola», die größte Sportzeitung des Landes.
Jetzt habe man die Gelegenheit, die einzige Scharte des Turniers auszuwetzen, meinte auch Trainer Luis Felipe Scolari, der seine Spieler vor dem Training 15 Minuten lang auf dem Rasen versammelte und auf die bevorstehende Prüfung vorbereitete. «Dies sind glorreiche Zeiten für Portugal, ein Traum wird Wirklichkeit», versprach Mittelfeldspieler Maniche, dem ebenso wie allen Teamkollegen jeweils 200 000 Euro Titelprämie winken, in einer landesweit von mehreren Fernsehsendern übertragenen Pressekonferenz.
Vor der Ballfertigkeit der Tschechen hatten die Portugiesen großen Respekt. Aber gegen die Griechen, so der allgemeine Tenor, kann nichts mehr schief gehen. Dass es im neuen Lissaboner «Estadio da Luz» ein ähnliches Waterloo geben könnte wie vor drei Wochen beim Turnier-Auftakt in Porto, glaubt im völlig euphorischen Portugal kaum jemand. Denn nicht nur der Spielort ist ein anderer, auch die Mannschaft hat inzwischen ein anderes Gesicht. Im Eröffnungsspiel hatte der eigenwillige Scolari noch auf die alten Recken gesetzt, die vor 13 Jahren im alten Luz-Stadion mit dem Gewinn der U20-WM den einzigen internationalen Titel nach Portugal geholt hatten.
Von denen hat nur Superstar Luis Figo seinen Platz behauptet. Vier Spieler von der damaligen Startelf sind dagegen nur noch zweite Wahl, unter ihnen die Fußball-Ikonen Fernando Couto (35) und Rui Costa (32). Nicht die einst als «goldene Generation» gepriesenen Altstars tragen Portugals Hoffnungen, sondern Spielmacher Deco oder der erst 19-jährige Cristiano Ronaldo.
«Diese Macht kann niemand stoppen», prophezeite «Record», eine der vielen Zeitungen in Portugal, die sich derzeit in Superlativen übertreffen. Den immensen Erwartungsdruck in der Bevölkerung sieht Scolari nicht als Problem, sondern als Ansporn. «Das Volk trägt uns auf Flügeln», sagte der Brasilianer, der gleich in zweifacher Hinsicht in die Geschichte eingehen kann: Noch nie wurde eine Mannschaft mit einem ausländischen Trainer Welt- und Europameister. Und mit einem Sieg wäre der vor zwei Jahren in Yokohama mit Brasilien erfolgreiche Scolari auch der erste Coach, der mit zwei verschiedenen Mannschaften Welt- und Europameister werden würde. Zudem würde er noch 100 000 Euro mehr Prämie erhalten als die Spieler.
«Niemand vor uns hat in Portugal erreicht, was wir geschafft haben. Und wir haben die Krönung selbst in unseren Händen», sagte Maniche, der einzige Feldspieler, den Scolari im abgelegenen Trainingscamp in Alcochete zur Presse ließ. Am Sonntag wird von dort wieder eine Pilgerfahrt einsetzen, die die Spieler schon vor dem Halbfinale überwältigt hat. Ein Hubschrauber des Fernsehens wird dem Mannschaftsbus folgen und live übertragen, wie er an Tausenden von Fans vorbei die knapp 40 Kilometer nach Lissabon zurücklegt und die imposante Vasco-da-Gama-Brücke passiert.
«Beim letzten Mal war es schon unglaublich. Ich bin gespannt, wie es diesmal wird», sagte Maniche: «Wir alle wissen, wie wichtig der Sieg für unsere ganze Nation wäre.» Die Fans haben schon ihre Plakate aufgehängt, die die Spieler bei der Ausfahrt aus dem Trainingscamp passieren müssen. Auf dem größten Transparent steht die Botschaft: «Die Geschichte wird von Helden gemacht.»