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Rehhagels Finaltraum im Trainerfuchs-Duell

Porto (dpa) - 30.06.2004, 13:16 Uhr

Otto Rehhagel (l.) und Assistent Ioannis Topalidis laufen bei Spielende auf den Rasen.
Otto Rehhagel (l.) und Assistent Ioannis Topalidis laufen bei Spielende auf den Rasen.

«König», «Gott», «Zeus» - die Superlative für Griechenlands deutschen Erfolgstrainer Otto Rehhagel und seine Fußball-«Götter» bei ihrem unglaublichen Parforceritt durch die Europameisterschaft sind kaum noch steigerungsfähig.

Doch den an der Grenze zur Hysterie wandelnden Hellenen werden weitere Wortschöpfungen einfallen, wenn das blau-weiße Wunder von Portugal weiter geht, wenn sich der Fußball-Vater aller Griechen seinen Finaltraum von Lissabon erfüllen kann und ganz Griechenland noch glücklicher machen will. «Hellas» liegt ihm schon jetzt zu Füßen.

Zwei Siege fehlen dem in der FIFA-Weltrangliste vor EM-Beginn als Nummer 57 eingestuften vermeintlichen Fußball-Zwerg noch zur größten Sensation der EM-Geschichte, der zuvor noch nie ein Spiel bei einem großen Turnier gewonnen hatte. Nach dem Auftaktsieg über Portugal und vor allem dem Viertelfinal-Triumph über Titelverteidiger Frankreich ist der Appetit der unersättlichen Griechen ins Unermessliche gestiegen. «Wir sind jetzt so weit gekommen, haben den Europameister aus dem Rennen geworfen und wollen noch mehr. Warum sollen wir nicht auch ins Finale einziehen?», sagt Bremens Stürmer Angelos Charisteas voller Selbstvertrauen vor dem Halbfinale gegen Tschechien.

Individualisten gegen Kollektiv, Attacke gegen Defensive, tschechische Angriffslust gegen griechische Abwehrkunst, Karel Brückners «Laissez-faire»-Fußball gegen Rehhagels «kontrollierte Defensive»: Im Estadio Dragao von Porto prallen im Duell der Trainer- Füchse zwei völlig verschiedene Auffassungen vom Fußball aufeinander. «Wir sind eben keine Brasilianer und werden deshalb unseren Stil nicht ändern, der uns zum Erfolg geführt hat. Alle werfen uns vor, destruktiv zu spielen, aber wir sind damit effektiv», verteidigt Mittelfeldspieler Georgios Karagounis Rehhagels Strategie, mit der er auch mit Werder Bremen und dem 1. FC Kaiserslautern reüssierte.

«Otto Rehhagel wird sich schon noch ein paar kleine Schweinereien einfallen lassen», meinte TV-Analytiker Günter Netzer, der dem 65- jährigen Strategen im Pokerspiel mit dem nicht minder schlitzohrigen Kontrahenten Brückner noch ein paar überraschende taktische Kniffe zutraut. Vermutet wird, dass der gelernte Weißbinder noch etwas mehr Beton anrührt und eventuell mit drei Innenverteidigern agieren lässt.


Denn vor allem Tschechiens Offensiv-Power mit dem Dortmunder 2,02- m-Riesen Jan Koller («auf ihn muss man höllisch aufpassen») und dessen kongenialem Sturmpartner, dem schon fünf Mal erfolgreichen EM- Torjäger Milan Baros, hat Rehhagel riesigen Respekt. Der 1,97 Meter lange Traianos Dellas scheint prädestiniert zu sein für das Kopfball-«Ungeheuer» Koller. Um den wendigen «Shooting Star» Baros soll sich Mihalis Kapsis kümmern, der das griechische Geheimnis so beschreibt: «Wir haben bisher kaum Fehler gemacht, und das soll so bleiben.» Vorne setzt Rehhagel auf Werders Edel-Reservisten Charisteas, der mit seinen zwei Toren gegen Spanien und Frankreich das griechische Feuer am Lodern erhielt und auch gegen die Tschechen treffen will.

Die Konter der hellenischen «Maurer» fürchtet Tomás Rosicky am meisten. «Das wird ein ganz anderes Spiel als gegen Dänemark. Wenn wir in Rückstand geraten, dann wird es ganz schwer», meinte der Dortmunder, der mit Kapitän Pavel Nedved Ideen entwickeln soll, um Griechenlands Beton-Deckung zu knacken. In der Vorrunde machten die Tschechen drei Mal einen Rückstand wett und erzielten acht ihrer zehn Tore nach der Pause. «Das erste Tor wird entscheidend sein. Wenn wir es machen, müssen die Griechen von ihrer Spielweise abgehen», sagte Baros, der seinen Beitrag zu einem einmaligen Rekord leisten will.

Mit sechs Siegen wurde noch kein Team Europameister. Frankreich holte 1984, allerdings bei weniger Teams, mit fünf Siegen den Titel. Auch die Bilanz spricht klar für den Europameister von 1976: In sechs Spielen kassierten die Griechen fünf Niederlagen und holten nur ein Unentschieden - allerdings mit Warneffekt: Denn das 0:0 vom 17. April 2002 trug schon die Handschrift von «Maurermeister» Rehhagel.

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