Nationaltrainer Scolari hat Portugal im Griff
Lissabon (dpa) - 30.06.2004, 11:34 Uhr
Luiz Filipe Scolari zeigt seinem Team im Training, wo's lang geht.
Der Brasilianer Luis Felipe Scolari hat Portugals Fußball-Gemeinde fest im Griff. Der Weltmeister-Trainer geht dickköpfig seinen Weg und nimmt dabei auch auf große Namen keine Rücksicht. Bei der EM dirigiert er die Gastgeber mit der gleichen harten Hand wie zuvor seine Landsleute. In Brasilien ignorierte Scolari die öffentliche Meinung, gab sogar dem damaligen Staatspräsidenten Fernando Cardoso einen Korb und warf den alternden Star Romario aus dem Kader für die Weltmeisterschaft 2002 in Fernost. Dort holte der 55-jährige Fußball-Lehrer mit der «Selecao» durch einen 2:0-Endspielsieg über Deutschland den fünften Titel für Brasilien und wird seither als «General Filipao» verehrt. Als er ein halbes Jahr später nach Portugal kam, wurde Scolari nicht mit offenen Armen empfangen. Die ersten Resultate waren dürftig, die personellen Entscheidungen des schon in Brasilien als Sturkopf bekannten Trainers sorgten für Empörung. Den langjährigen Torwarthelden Vitor Baia, der kürzlich mit dem FC Porto die Champions League gewann, ersetzte er durch Ricardo von Sporting Lissabon. Der dankte es ihm: Erst als Elfmeter-Töter und dann als entscheidender Schütze wurde er im Viertelfinal-Elfmeterkrimi gegen England zum Nationalhelden.
Als Scolari vor gut einem Jahr seinen Landsmann Deco einbürgerte, stöhnten das Volk und die Spieler auf. «Es reicht nicht, wenn man den Text der Nationalhymne kann, man muss sie im Herzen tragen», motzte Luis Figo gegen den Trainer. Doch der giftige Spielmacher aus Porto hat sich einen Stammplatz erkämpft. Der zum Reservisten degradierte Rui Costa trägt sein Schicksal genau so ohne Murren wie Figo seine spektakuläre Auswechslung im Spiel gegen England. Portugals berühmtester Star seit Eusebio protestierte auf seine Weise und ergab sich vor dem Halbfinale gegen die Niederlande dem militärischen Führungsstil des Disziplinfanatikers Scolari: «Alle müssen dem Trainer folgen, alle und immer.» Dem markanten Gesicht von Scolari, der in seiner Heimat zwölf Vereinstitel gewann, kann man in diesen Tagen nicht entgehen. Das portugiesische Fernsehen strahlt jede Pressekonferenz des Nationaltrainer aus. Wenn er nicht leibhaftig auf dem Bildschirm erscheint, dann sein «Alter Ego» als Gummipuppe. Auch Portugal hat das freche Fernsehformat entdeckt, das in England als «Splitting Images» und in Deutschland als «Hallo Deutschland» erfolgreich war. Als liebenswerte Knautschgestalt ist der strenge «General» zum TV- Liebling geworden. Der Verband hat Scolari ebenfalls ins Herz geschlossen. Egal, wie die EM ausgeht, steht der Vertragsverlängerung bis zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland nichts mehr im Wege.
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