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Völlers letzter Rat: Kein Radikal-Umbruch

Almancil (dpa) - 24.06.2004, 15:40 Uhr

Rudi Völler applaudiert nach dem Spiel dem Publikum.
Rudi Völler applaudiert nach dem Spiel dem Publikum.

Nach dem Vorrunden-K.o. des Vize-Weltmeisters wurde im Hinblick auf die WM 2006 umgehend eine Parole laut: «Neue Männer braucht das Land!» Doch ausgerechnet Teamchef Rudi Völler, der mit seinem Rücktritt den Anfang machte, warnte eindringlich vor einer radikalen Streichliste und einem totalen Jugendwahn.

«Es darf nicht so sein, dass der junge Spieler, der nicht schnell genug auf dem Baum ist, in die Nationalmannschaft kommt. Es muss ein vernünftiges Verhältnis geben», erklärte Völler, der beim 1:2 gegen Tschechien in der zweiten Halbzeit zwei 19-Jährige, einen 20-Jährigen und einen 22- Jährigen spielen ließ.

Auch die etablierten Kräfte wie Kapitän Oliver Kahn und Michael Ballack sprachen sich vehement gegen einen personellen Kahlschlag aus. «Das ist ja immer der Blödsinn, der nach solchen Turnieren in der Öffentlichkeit kolportiert wird, jetzt müssen neue Spieler her. Es werden viele Spieler, die hier dabei waren, auch in zwei Jahren dabei sein», meinte der 35-Jährige, der die WM weiter als Endpunkt seiner internationalen Laufbahn fest im Visier hat. Ballack mahnte ebenfalls zur Besonnenheit: «Man darf es jetzt nicht übertreiben. Wir hatten schon gegen Tschechien zum Schluss ein sehr junges Team auf dem Platz. Und nur mit jungen Spielern geht es auch nicht.»

Einig waren sich aber auch die «Leitwölfe», «dass auf jeden Fall einiges passieren muss», wie Kahn erklärte. Der Torhüter nannte das größte Manko offen beim Namen: Deutschland hat keine Stürmer von internationalem Format mehr. Kuranyi, Klose, Bobic, Brdaric, Podolski - keiner der fünf Angreifer brachte ein Tor zu Stande in den 407 Spielminuten, die das Quintett insgesamt auf dem Platz stand.

«Wenn wir bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land eine Chance haben wollen, dann müssen wir Tore erzielen. Darin liegt unser Problem», schimpfte Kahn. An eine kurzfristige Lösung glaubt er nicht, vielmehr sieht er für 2006 im Angriff schwarz: «Was soll denn noch passieren in zwei Jahren? Gute Spieler wachsen nicht auf den Bäumen, sondern sie müssen eine sehr lange Entwicklung durchmachen, bis sie ein Niveau erreicht haben, um einer WM ihren Stempel aufdrücken zu können.»


Ein «hervorragendes Turnier» attestierte Ballack dem Stuttgarter Philipp Lahm, der ebenso wie Bayern-Youngster Bastian Schweinsteiger zu den deutschen EM-Gewinnern zählte. Aber was wird aus den vielen «Ü 30»-Spielern wie Jens Lehmann (34), Christian Wörns (32), Fredi Bobic (32), Christian Ziege (32), Jens Nowotny (30), Jens Jeremies (30), Dietmar Hamann (30) oder Bernd Schneider (30), die in Portugal auf dem Platz enttäuschten oder schon gar keine Rolle mehr spielten? «Ich denke, dass der eine oder andere aufhören wird», meinte Nowotny, der persönlich solche Gedanken nicht hegt: «Für mich ist das Ziel 2006, ganz klar», sagte der in Portugal überforderte Abwehrchef.

Spontan wie Völler trat keiner ab, doch der wortlos das Stadion verlassende Innenverteidiger Wörns wirkte besonders nachdenklich. Ganz oben auf der Streichliste stehen Lehmann, Ziege, Bobic und Null-Tore-Joker Thomas Brdaric. Das Glück der anderen könnte die triste Gesamtsituation sein. «Wo sind die Alternativen?», fragte Kahn, der praktisch keine sieht: «So viel wird in den nächsten zwei Jahren nicht passieren, was die Nationalmannschaft anbelangt.» Ein neuer Trainer allein genügt nicht, prophezeite Ex-Nationalspieler Thomas Helmer: «Der neue Mann hat auch keine größere Auswahl als Rudi Völler. Eine Perspektive ist nicht wirklich da.»

Die vage Hoffnung gilt der Rückkehr der «ewig Verletzten» wie Sebastian Deisler und Christoph Metzelder. Auch Paul Freier wurde in Portugal vermisst. Der DFB-Präsident hat immerhin schon ein neues WM- Mittelfeld im Kopf, ohne die Vize-Weltmeister Hamann, Frings und Schneider. «Man hat den Ballack, den Deisler, wenn er zurückkommt, den Schweinsteiger und den Gladbacher Thomas Broich, von dem ich sehr viel halte. Dann hast du ein Mittelfeld, über das du dir keine Sorgen machen musst.» Mal sehen, wie der neue Trainer darüber denkt.

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