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Löw stärkt und schwächt Ballack - Neuer im Tor

Frankfurt/Main (dpa) - 01.09.2010, 18:05 Uhr

Bundestrainer Joachim Löw erläutert auf einer Pressekonferenz in der DFB-Zentrale seine Entscheidung.
Bundestrainer Joachim Löw erläutert auf einer Pressekonferenz in der DFB-Zentrale seine Entscheidung.

Gute und schlechte Nachrichten für Michael Ballack: Bundestrainer Löw behält ihn als Kapitän, aber sportlich ist der langjährige Leitwolf nun Herausforderer von Schweinsteiger und Khedira. Rivale Lahm scheitert mit seinem Kapitäns-Anspruch. Neuer bleibt im Tor.

Ballack bleibt Kapitän, aber seine einstige Vormachtstellung in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist gebrochen. Bundestrainer Joachim Löw entzog dem nicht für den Start in die EM-Qualifikation nominierten «Capitano» die frühere Stammplatz-Garantie und schickt den 33-Jährigen in den Konkurrenzkampf mit den neuen Mittelfeld-Platzhirschen Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira. «Im Moment sehe ich diese beiden Spieler auf der Position», verkündete Löw in Frankfurt.

Nur wenn der Leverkusener auf dem Weg zur Europameisterschaft 2012 den Kampf besteht und wieder im DFB-Team zum Einsatz kommt, muss ihm WM-Kapitän Philipp Lahm die Binde überlassen. Der 26-jährige Münchner scheiterte aber mit seinem Anspruch, Ballack schon jetzt dauerhaft als Kapitän abzulösen. Keine Überraschung ist, dass WM-Keeper Manuel Neuer als Nummer 1 in die EM-Qualifikation geht und damit in Brüssel gegen Belgien das deutsche Tor hüten wird. «Wir planen mit Manuel», sagte Löw.

In einem fast zweistündigen «vertrauensvollen» und «in aller Offenheit» geführten Gespräch unter vier Augen hatte Löw seinem langjährigen Führungsspieler Ballack dessen neuen Status dargelegt. «Ich bin zur Entscheidung gekommen, dass er Kapitän bleibt», lautete die gute Nachricht für Ballack - aber die schlechte folgte: Löw sieht «im Moment» Schweinsteiger und Khedira als Doppel-Sechs vorn. Ballack dagegen sei nach seiner Fußverletzung noch nicht wieder eine sportliche Verstärkung. «Ich habe ihm in aller Offenheit gesagt, dass ich ihn noch nicht in der Verfassung sehe, dass er uns weiterhilft.»

Ballack wollte nach dem Training in Leverkusen keinen Kommentar zu seiner trotz Amtsverlängerung als Kapitän geschwächten Position im DFB-Team abgeben. Dafür sprach Löw Klartext. «Bei der WM haben Schweinsteiger und Khedira die Aufgabe absolut nach meinen Vorstellungen erfüllt», lobte Löw das Duo. Ballack habe er offen mitgeteilt, «was ich von ihm in den nächsten Wochen sehen will».


Für eine Rückkehr muss er erst wieder «Topform» im Verein nachweisen - abgeschrieben aber sei der Star nicht. «Ich hoffe und glaube, dass Michael wieder in die Verfassung kommt, in der wir ihn alle kennen. Und dann kann er die Mannschaft wieder verstärken», sagte Löw. Ob Ballack schon im Oktober in den Punktspielen gegen die Türkei und Kasachstan wieder berufen wird, ließ Löw offen. Auf die spekulative Frage, ob «Capitano» Ballack sogar die Bank drohen könnte, antwortete Löw: «Diese Frage stellt sich im Moment nicht.»

Von Gewinnern und Verlierern in der seiner Meinung nach «sehr emotional diskutierten Kapitäns-Frage» mochte Löw nichts wissen. «Es geht nicht um Machtspielchen, Machtansprüche, Machtdemonstrationen oder Demontagen.» Auch Lahm sei «auf keinen Fall» geschwächt, weil er nicht wie erhofft zum Ballack-Nachfolger ernannt wurde. «Philipp hat die Entscheidung absolut akzeptiert», sagte der Chefcoach. «Philipp hat das absolut gut gemacht bei der WM. Und wir wollen mündige Spieler, die ihre Meinung sagen», ergänzte der Bundestrainer.

Zwei Tage vor dem Start «in eine neue Periode» legte Löw zudem fest, dass der 24-jährige Schalker Neuer die Nummer 1 im Tor bleibt. «Manuel hat ein hervorragendes WM-Turnier gespielt», begründete Löw. Zur «gemeinsamen Nummer 2» ernannte er den Bremer Tim Wiese und den Leverkusener Rückkehrer René Adler.

Ballacks brisante Situation ist in der DFB-Auswahl nicht neu. Sie zeigt vielmehr Parallelen zu früheren Kapitänen wie Oliver Bierhoff und Oliver Kahn. Der heutige DFB-Teammanager Bierhoff wurde nach der Europameisterschaft 2000 schleichend als Kapitän abgelöst, schaffte es aber immerhin noch in den WM-Kader 2002. Kahn wurde vom damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann 2004 sofort als Kapitän abgesetzt - und verlor danach auch noch das Torhüter-Duell mit Jens Lehmann.

Für Ballack sei es «alles andere als einfach», bemerkte nun Kahn. Ballacks erklärtes Ziel, die stark verjüngte DFB-Auswahl 2012 bei der EM in Polen und der Ukraine mit dann 35 Jahren als Kapitän anzuführen, steht nach dem schmerzhaften WM-Ausfall in den Sternen.

Erst einmal muss Deutschland das EM-Ticket lösen. «Die Qualifikation ist ein Marathon», bemerkte Löw. «Ich zähle Belgien mit den Türken und Österreich zu unseren Mitstreitern auf dem Weg zum Gruppensieg.» Die Gruppe komplettieren die Außenseiter Kasachstan und Aserbaidschan. Mit dem «Maximalziel sechs Punkte» geht Löw in die beiden Auftaktspiele. Beim Training waren alle 21 Spieler inklusive des angeschlagenen Stürmers Stefan Kießling dabei.

Nur in der Abwehr gibt es durch den Ausfall der verletzten Arne Friedrich und Jérome Boateng Sorgen. Vermutlich setzt Löw auf eine Hamburger Doppellösung mit Heiko Westermann und Marcell Jansen. Im Training testete der Bundestrainer aber auch mit Holger Badstuber in der Innenverteidigung. «Wir wissen, welche Gefahren auf uns lauern», sagte Löw zur Aufgabe vor mehr als 47 000 Zuschauern in Brüssel.

Die voraussichtliche deutsche Aufstellung:

Neuer - Lahm, Mertesacker, Westermann, Jansen - Khedira, Schweinsteiger - Müller, Özil, Podolski - Klose

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