«Ich weiß, dass die Spieler, die bei der WM dabei waren und neun Wochen länger im Einsatz waren, einer unglaublichen hohen Belastung ausgesetzt waren. Da muss ich im speziellen Fall vor der Nominierung noch einmal mit allen Trainern sprechen, was letztendlich Sinn macht», beruhigte Löw zum Beispiel Bayern-Coach Louis van Gaal, der sogar zum Länderspiel-Boykott ausgerufen hatte. «Die erste Mannschaft muss ich nicht mehr testen», sagte Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger im Trainingslager des deutschen Meisters am Gardasee und forderte unverblümt eine Länderspiel-Auszeit für Lahm, Bastian Schweinsteiger oder WM-Jungstar Thomas Müller. Der geübte Moderator Löw wird einen Kompromiss finden. In der Causa Ballack aber wird er sich früher oder später klar positionieren müssen. Er steht mit seinem langjährigen Leitwolf in Kontakt. Und der Kampf um die Binde wird dabei nur ein Aspekt sein. Lahms Wunsch, über die WM hinaus Kapitän bleiben zu wollen, nannte Löw «legitim», aber er betonte auch: «Ich habe von Philipp und Michael gehört, dass es letztendlich eine Entscheidung des Trainers ist.» Als Löw 2004 zusammen mit Jürgen Klinsmann beim DFB antrat, war eine der ersten Amtshandlungen der beiden neuen Trainer, Oliver Kahn als Kapitän abzusetzen und ihn mit Blick auf die WM 2006 durch den jüngeren Ballack zu ersetzen. Bei der EM 2012 wäre Ballack 35 Jahre alt, die Zeit läuft damit gegen den 98-maligen Nationalspieler. «Michael Ballack war für die deutsche Nationalmannschaft bislang immer ein sehr wichtiger und verdienter Spieler, der in vielen Spielen bewiesen hat, welch Klassespieler er ist», erklärte Löw. Er wählte die Vergangenheitsform, entscheidend aber werden Gegenwart und Zukunft sein. Nach der Verletzung ist Löw «wichtig zu sehen, dass Michael Ballack in den nächsten Wochen den Rhythmus aufnimmt». Bei Jens Lehmann oder Torsten Frings hat Löw bewiesen, dass Verdienste irgendwann nicht mehr zählen. Leistung und Perspektive sind wichtiger, und Ballack wird sich einem jungen WM-Gewinner wie Sami Khedira stellen müssen. Er hat auch Fürsprecher im Team: Gerade Schweinsteiger verwies darauf, dass der deutschen Rasselbande in Südafrika zum großen Coup auch Erfahrung fehlte, über die Ballack wie kaum ein anderer Nationalspieler verfügt. Löw sieht «noch nicht den richtigen Zeitpunkt» dafür gekommen, die bald drängenden Fragen zu beantworten. Nur eines scheint gewiss: Das 100. Länderspiel wird und darf Ballack bestimmt noch bestreiten - früher oder später.
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